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»Kein Gegenstück, sondern Ergänzung«


Gedenkstein für Stalinismus-Opfer in der Gedenkstätte der Sozialisten eingeweiht / Proteste von Gegnern

Von Anke Engelmann

»Ein Denkmal soll zum Denken anregen«, so gestern Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) anlässlich der Einweihung der Gedenktafel »Den Opfern des Stalinismus« auf dem Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde. Der Stein solle »kein Gegenstück, sondern Ergänzung« der Gedenkstätte sein, so Momper. Geschichte sei »vielschichtig und vielfältig«, und gerade an diesem Ort Erinnern an die Opfer »wichtig und notwendig«.
Christina Emmrich (Linkspartei), Bezirksbürgermeisterin von Lichtenberg, war sichtlich aufgewühlt: Sie habe in den vergangenen Tagen viele Briefe von Menschen bekommen, die sich gegen die Aufstellung des Gedenksteines aussprachen – einige davon »unter der Gürtellinie«. Sie betonte: »Wir haben nur eine Chance, den Sozialismus in die breite Bevölkerung zu tragen, wenn wir uns mit dem Stalinismus auseinandersetzen.« Die Politikerin zitierte aus dem Gründungsdokument der SED-PDS von 1989, in dem der »unwiderrufliche Bruch mit dem Stalinismus als System« programmatisch festgehalten wurde. Nun werde ihr vorgeworfen, sich von einem politischen Kampfbegriff vereinnahmen zu lassen.
Die Bürgermeisterin räumte ein, dass die Aufstellung des Steines im Vorfeld »nicht ausreichend diskutiert« worden sei. »Ich bin froh, dass wir jetzt eine Auseinandersetzung haben.« Sie lud alle Kritiker zu einem Gespräch ein, und zwar »möglichst persönlich, nicht über die Presse«. Auch beim ND waren Leserbriefe eingegangen.
Auch Stefan Liebich, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Abgeordnetenhaus, war gekommen. Erinnerung an Stalinismus-Opfer an diesem Ort? »Eine richtige Sache und längst überfällig«, meinte er.
Indes entrollten wenige Meter entfernt etwa 30 überwiegend ältere Protestierende Transparente mit Aufschriften wie »Pfui!«, »Schande!«, »Mit Antikommunismus lässt sich Faschismus nicht bekämpfen«. Auch eine DDR-Fahne war zu sehen, Rufe wie »Stalin brach Hitler das Genick!« ertönten. Mitten unter ihnen war Kurt Andrä, früher Sekretär beim ersten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck. Bislang habe ihm niemand, nicht einmal Gregor Gysi, das Wort Stalinismus definieren können, sagte er. Und dass er sich für das »jämmerliche Häuflein« der Stein-Befürworter schäme. Die Gedenkstätte sei nach der Nazizeit nun ein zweites Mal geschändet worden, fuhr er unter Zustimmung der Umstehenden fort. Man könne sich denken, in wessen Nachfolge die Aufsteller des Gedenksteines agierten.
»Sie wollen bis heute nicht wahrhaben, was Stalinismus war«, versuchte Heinrich Wörmann von der Gedenkstätte deutscher Widerstand eine Debatte einzuleiten. Er erntete heftigen Widerstand: »Welcher Jahrgang sind Sie? Sie haben den Krieg nicht erlebt!«, wurde dem Historiker entgegengehalten.
»Wenn sich damals Sozialisten und Kommunisten verstanden hätten, wäre Hitler nicht an die Macht gekommen«, sagte eine ältere Dame, die zuvor eine Blume an der Gedenktafel niedergelegt hatte. 80 Jahre sei sie alt, seit 40 Jahren in der SPD. Sie erinnere sich noch gut an den Tag, als ihr Vater mit den Worten nach Hause kam: »Hitler ist an der Macht. Wir haben Krieg.« Und Stalin habe Hitler vorgemacht, wie man Menschen abschlachtet.


Opfer stalinistischer Verfolgungen auf dem Friedhof:
• Paul Merker und Hans Schrecker wurden 1952 verhaftet, zu acht Jahren verurteilt und 1956 freigelassen.
• Jacob Walcher wurde 1951 als Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung »Tribüne« entlassen und aus der SED ausgeschlossen.
• Maria Weiterer wurde 1950 als Sekretärin des Bundesvorstandes des DFB abgelöst und aus der Partei ausgeschlossen.
• Fritz Sperling, 1951 zweiter Vorsitzender der KPD in der BRD, wurde in die DDR gelockt, zu sieben Jahren verurteilt und 1956 entlassen.

www.sozialistenfriedhof.de