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Sind „mehr Prozente“ ein Selbstzweck?

Rede auf dem außerordentlichen Landesparteitag der Linkspartei.PDS Berlin zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen

Liebe Genossinnen und Genossen,

"wir müssen die Niederlage analysieren, verlorene Wählermilieus zurückgewinnen und ein „Weiter so!“ darf es nicht geben." So sonnenklar erscheinen die Notwendigkeiten und versprechen ein Zurück zu stetig wachsenden Wahlergebnissen der neunziger Jahre. Klar, Stimmenmaximierung und damit die Erhöhung von Einfluss sind wichtige Ziele von Parteien. Aber sind sie die Einzigen? Und vor allem: Sind sie es um jeden Preis? Oder um eine derzeit beliebte Formulierung mal umzudrehen: Sind „mehr Prozente“ ein Selbstzweck?

Ich will einige Frage stellen und damit einen anderen Akzent setzen.
Sollen wir in hartem Streit errungene Positionen, die wir richtig finden, nur deshalb preisgeben, weil sie nicht mehr jeden unserer ehemaligen Wählerinnen und Wähler überzeugt?
Finden wir die Einführung eines längeren gemeinsamen Lernens nicht auch dann richtig, wenn Linksparteiwähler, die ihr Kind lieber auf einem Gymnasium sähen, uns dann nicht mehr wählen?
Wollen wir offene Grenzen für Menschen in Not und Geld statt Chipkarten und Leben in Wohnungen statt in Wohnheimen für Asylbewerber, nicht auch dann, wenn sich dabei herausstellt, dass diese Positionen nicht mehr von absoluten Mehrheiten in Marzahn-Hellersdorf oder Lichtenberg geteilt werden?
Und ist unsere Absage an den Stalinismus in der DDR und damit die Erarbeitung eines Mauergedenkkonzepts weniger wert, nur weil uns deswegen Wähler verloren gehen?

Liebe Genossinnen und Genossen,

wir haben uns unseren Fehlern zu stellen, aber nicht alles was wir entschieden haben und das dazu führte, dass uns einige Menschen nun nicht mehr wählen, werde ich deshalb zum Fehler erklären.
Wir haben nicht genug erreicht, aber das Erfinden unrealistischer Ziele ist auch keine Antwort. Stehen wir zu unserem Wahlprogramm und kämpfen wir um dessen Durchsetzung.
Ich werbe weiter für umsetzbare linke Politik. In der Regierung oder in der Opposition. Aber lieber in der Regierung, weil man da, davon bin ich fest überzeugt, mehr verändern kann.

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