Menü X

Olympia mit dem Taschenrechner

Interview im Neuen Deutschland am 20. Juni 2006

ND-Foto: B. Lange

Linkspartei sieht erneute Bewerbung wegen der finanziellen Risiken skeptisch

ND: Der Regierende Bürgermeister möchte die WM-Begeisterung nutzen und die Olympischen Spiele nach Berlin holen. Koalitionspartner Linkspartei.PDS reagiert skeptisch. Sind Sie ein Spielverderber?

Liebich: Nein, und wir freuen uns auch über die tolle Stimmung in der Stadt. Euphorie sollte aber nicht den Blick für die Realitäten verstellen. Wir hatten ja bereits in den Koalitionsverhandlungen im Jahr 2001 durchgesetzt, dass sich Berlin nicht für die Spiele 2012 bewirbt. Ansonsten hätte das wie die Rückkehr zur Politik der großen Koalition angemutet, wo man unter Ignoranz der Haushaltsprobleme auf Luftschlösser für die Zukunft setzte.

Aber jetzt sind wir fünf Jahre weiter, und die nächsten Olympischen Spiele wären für Berlin erst 2020 in Reichweite. Würde die Zeit nicht für ein tragfähiges und finanzierbares Konzept reichen?

Das will ich nicht ausschließen, aber sicher ist es nicht. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Haushaltsnotlage steht noch aus. Wir wissen also noch nicht, ob Berlin finanzielle Unterstützung vom Bund erhält. Man sollte jetzt nicht über das Ziel hinausschießen. Wir sind durchaus dafür, große Sportereignisse nach Berlin zu holen. Deshalb findet ja die Leichtathletik-WM 2009 hier statt. Aber ob die Zeit schon reif ist für ein finanziell anspruchsvolles Event wie die Olympischen Spiele, da bin ich doch skeptisch.

Da sind Sie ja misstrauischer als die Grünen, und die führten einst immerhin die Nolympiakampagne für die Bewerbung 2000 an.

Mich wundert ihre Wende deshalb auch ein wenig. Bisher waren sie wie wir der Meinung, dass man in dieser Frage auch den Taschenrechner zur Hand nehmen muss. Denn Olympia würde richtig Steuergeld kosten. Ob sich das ein Haushaltsnotlageland wie Berlin leisten kann, ist genau zu überlegen. Die Möglichkeit wird sicher irgendwann wieder bestehen, aber an dem Punkt sind wir noch nicht.

Die Wirtschaft verspricht sich einen Aufschwung von solch einem Ereignis. Es könnte sich also vielleicht auch rechnen für die Stadt?

Das hat die Wirtschaft damals auch bezogen auf die Bewerbung fürs Jahr 2000 gesagt. Die Olympischen Spiele der Vergangenheit belegen aber, dass der Aufwand höher ist als der finanzielle Zugewinn für die jeweilige Stadt. Natürlich gibt es auch immer einen Image-Gewinn, wenn es so gut läuft wie jetzt bei der Fußball-WM. Das kann man aber auch mit Ereignissen haben, die finanziell nicht ganz so riskant sind. Deshalb gibt es ja die Leichtathletik-WM in Berlin. Wir sind keine Spaßbremse. Aber wir wollen schon, dass man ganz kühl kalkuliert, ehe man solche Wünsche in die Welt setzt .

Im Unterschied zu Olympia 2000 scheinen diesmal die Berliner hinter einer Bewerbung zu stehen.

Die Berliner sind ja noch nicht gefragt worden. Klaus Wowereit hat gesagt, die Stimmung zur Fußball-WM ist super, also feiern wir auch Olympische Spiele. Die Industrie- und Handelskammer verweist zu Recht darauf, dass es dafür einen breiten Konsens in der Stadt geben muss. Da wir nicht dafür sind, sehe ich den noch nicht. Und über die Stimmung in der Stadt würde ich auch nach dem Besuch des Fan-Fests nicht abschließend entscheiden wollen.

Sollten Sie demnächst wieder Koalitionsverhandlungen führen können, wird zu Olympia Ähnliches wie vor fünf Jahren vereinbart?

Das müssten die Verhandlungen zeigen. Es ist auf jeden Fall auch ein Punkt, wo offenkundig SPD und Linkspartei nicht ganz die gleiche Position haben. Wie in der Vergangenheit auch, würden wir uns aber sicher einigen.

Fragen: Bernd Kammer

(c) Neues Deutschland