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"Vom Umtausch ausgeschlossen"

Rede zur Jugendweihe

Liebe junge Damen, liebe junge Herren, sehr geehrte Eltern, Großeltern, liebe Gäste!

Ich bin gebeten worden zu diesem feierlichen Tag für Sie und vor allem für Euch die Festrede zu halten.
Dieser Bitte bin ich gern nachgekommen, auch weil ich die Jugendweihe für eine sehr angenehme Tradition halte, um symbolisch den Schritt vom Kind zum Erwachsenen feierlich zu begehen.

Vor 19 Jahren saß ich, auf meinen Platz im Kino Kosmos, war aufgeregt, wusste nicht so richtig, ob ich angemessen gekleidet war und fühlte mich etwas unwohl bei dem Gedanken, dass den ganzen Rest des Tages Familienfest angesagt war.
Dieses Unwohlsein wurde natürlich ein wenig dadurch gemindert, dass ich in Gedanken bereits überschlug, ob das Geld, das mir geschenkt wurde, für einen Kassettenrecorder der Marke RFT SKR 700 (das Standardgeschenk im Jahr 1987) ausreichen würde.
Das war damals natürlich genauso unangemessen, wie es heute ist, denn selbstverständlich ist an einer Jugendweihe nicht das Geschenk das Entscheidende.

Ist man nun mit 14 Jahren bereit erwachsen zu sein?
Wird man nun von seiner Familie als Erwachsener akzeptiert werden?
Werden Fragen wie: „Wann kommst Du heute nach Hause?“, „Wer war das denn eben am Telefon?“ und Bemerkungen wie: „Solange Du Deine Beine unter unseren Tisch streckst ...“ nun endgültig der Vergangenheit angehören?
Ich muss Euch enttäuschen.
Bis es soweit sein wird, wird es für Euch, aber auch für Eure Familien vermutlich noch ein langer und steiniger Weg. Ich darf Euch aus meiner eigenen Erfahrung heraus bereits jetzt mein herzlichstes Beileid aussprechen.
Aber Euren Eltern auch.
Wahrscheinlich werden noch viele Tränen fließen, zu laute Worte gewechselt und Türen geknallt werden, bis Ihr die Akzeptanz erlangt, die Euch meiner Ansicht nach zusteht.

Aber ich bitte Euch auch herzlich, für Eure Eltern Verständnis aufzubringen.
Es ist noch gar nicht so lange her, als ihr mit der Klapper um den Weihnachtsbaum gelaufen seid und als es gar nicht peinlich war, bei Mami und Papi an die Schlafzimmertür zu klopfen, um am Sonntagmorgen ein wenig zu kuscheln. Natürlich kann man sich das als 14-jähriger junger Mann schwer eingestehen.
Eure Eltern sehen also in Euch häufiger das kleine Kind als es Euch lieb sein dürfte.
Nehmt das Euren Eltern bitte nicht übel und wenn es mal kracht, dann regt Euch nicht auf, sondern nehmt Euch vor, bei Euren Kindern alles viel, viel besser zu machen, verständnisvoller und toleranter als Eure Eltern in solchen Momenten zu sein.
Ich drücke Euch die Daumen, dass ihr das dann in 15 und 20 Jahren auch noch wisst.
Ihr werdet Euch die Rechte, die Ihr haben solltet, bei Euren Eltern erkämpfen müssen und Eure Eltern werden lernen müssen, dass ihr in Zukunft immer häufiger selbst entscheiden werdet.
Zukünftig seid Ihr nicht mehr die niedlichen Kleinen, die an den Klapperstorch und en Weihnachtsmann glauben und immer ihren Eltern gehorchen.
Da muss es einfach krachen.
Bei dem Einen wird das einfacher werden und bei Anderen kann es zu mittelschweren Katastrophen kommen.

Aber für diese überaus schwierige Zeit des Auseinanderlebens von der Familie gebe ich Euch einen Rat:




Setzt nicht zuviel aufs Spiel!
Ihr werdet sehen, dass viele unglaublich schlimme Dinge im Rückblick gar nicht mehr so schlimm erscheinen.
Bei allem Ärger, den es vielleicht geben wird, überlegt, ob es wert ist, eine der intensivsten Beziehungen, nämlich die zwischen Eltern und Kind aufs Spiel zu setzen.

Das Erwachsensein hat nicht nur Vorzüge.
Auch wenn Ihr es Euch jetzt vielleicht schwer vorstellen könnt, so manches Mal in Eurem Leben werdet Ihr die Zeit noch herbeisehnen, wo da einfach eine Mutti oder ein Papi ist, wenn man ein Problem hat, bei der man sich ausheult und dann einen weisen Ratschlag bekommt.
Ich kann Euch sagen, wie viel einfacher es ist, in der Wohnung der Eltern mit der Tür zu knallen, in dem Glauben, dass niemand einen versteht und sich über die Schlechtigkeit der Welt zu beklagen, als tatsächlich selbständig zu leben und für die eigenen, unter Umständen auch falschen Entscheidungen dann auch selbst verantwortlich zu sein.
Da kann man dann Türknallen so oft und so laut man möchte, aber es löst Probleme nicht.

Ihr solltet also Eure Erwartungen, was das neue Leben als Erwachsener ab heute so bringt, nicht zu hoch schrauben. Vieles wird morgen sicher genauso sein wie heute. Andererseits, und das hängt nun nicht unmittelbar mit dem heutigen Tag zusammen, wird man Euch in Zukunft nach und nach mehr Rechte zubilligen und Ihr werdet tatsächlich in Zukunft immer ernster genommen werden.
Man wird immer öfter „Sie“ und „Herr Müller“ oder „Frau Schulz“ zu Euch sagen.
Und schließlich ist es für eine junge Dame von 14 oder 15 Jahren auch nicht ganz unschön, wenn sie merkt, dass sich junge Männer nach ihr umdrehen.
Es stärkt bestimmt das Selbstbewusstsein, wenn Erwachsene Sie nicht mehr als Kind, sondern als junge Frau ansehen.

Und auch für die Jungs hat es sicher Vorteile, langsam den Kinderschuhen zu entwachsen. Da wir sowieso schon von der Natur dadurch gestraft wurden, dass wir uns in der Regel etwas später entwickeln die Frauen, nur äußerlich natürlich, wird es endlich Zeit, dass die Mädchen aus Eurer Klasse auch endlich beginnen zu begreifen, dass Jungs nicht erst zwei Jahrgänge über Euch interessant sind.
Und ist nicht gerade das eines der schönsten Dinge im Leben? Wenn Ihr plötzlich beginnt zu spüren, da ist jemand der Interesse an euch hat, der Euch vielleicht auch liebt? Ich selbst war einer von jenen, die hier eher zu den Spätzündern gehörte. Aber das hat mir auch nicht geschadet. Mein Tipp: Lasst Euch da nicht unter Druck setzen. Nicht von Freunden, den Medien, vom Internet. Ihr werdet es später noch merken, dass es nicht immer darauf ankommt erster zu sein.

Da ich aber noch nicht 70 bin, spare ich mir nunmehr weitere Lebensweisheiten. Obwohl, manchmal muss ich mich schon sehr bemühen, zu akzeptieren, was die Jugend von heute so für Obsessionen hat. Zum Beispiel ist es für mich ein völlig unerklärliches Phänomen, wieso ein Paar Turnschuhe von für 200 Euro höchste Glücksgefühle auslösen kann.
Aber ich muss ja nicht alles verstehen und ich denke, dass Eure Familien das ähnlich sehen und vielleicht einige von Euch zu Eurem heutigen Ehrentag mit solchen tollen Geschenken beglückt wurden.

Apropos Familien. Es ist zwar eigentlich Euer Tag, aber ein ganz kleines bisschen auch der von Euren Müttern, Vätern, Schwestern und Brüdern und auch Großeltern. Deshalb möchte ich ihnen auch den ihnen einen gebührenden Platz in dieser Rede einräumen. Ich denke, dass ich auch in Eurem Namen spreche, wenn ich ihnen „Danke“ sage.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht immer ganz einfach ist, der Mutti oder dem Vati um den Hals zu fallen und sich einfach so zu bedanken.

Zuerst wäre da sicher ein dickes Dankeschön dafür, dass es Euch überhaupt gibt. Es ist vielleicht ein kleines Detail, aber dieses wird allzu häufig vergessen. Ihr stündet immer noch als „Quark im Schaufenster“, wenn es nicht Eure Eltern und auch deren Eltern usw. gegeben hätte. Was hättet Ihr nicht alles verpasst?
Außerdem wäre es heute eine gute Gelegenheit ihnen auch für alles andere zu danken. Für den Trost, den sie Euch spendeten, wenn Ihr Euch beim Spielen die Knie aufgeschlagen habt. Für das Eis, dass sie im Sommer spendierten und für die Einschlafgeschichten, die sie Euch vorgelesen haben, wenn Ihr nicht schlafen konntet.
Sicher gäbe es auch einige kritische Worte an die Eltern, aber die behaltet heute mal für Euch.
Beim nächsten Streit fallen sie Euch sicher wieder ein.

Um Euch nicht noch länger mit meinen weisen Ratschlägen zu quälen, komme ich nun zu den abschließenden Wünschen.
Ich wünsche Euch, dass Ihr nicht vergesst, dass Ihr Euren Kopf nicht nur zum Draufsetzen von Basecaps oder Wollmützen habt. Das Denken macht den Menschen einzigartig und ermöglicht Euch eigene Entscheidungen.
Damit werdet Ihr Euer Leben in Zukunft maßgeblich bestimmen. Und das ist auch Eure Chance.
Ich wünsche Euch einen Ausbildungs- oder Studienplatz für einen Beruf, den Ihr gern macht und bei dem Ihr auch so viel Geld bekommt, wie Ihr für Euer Leben braucht.

Ich wünsche den Mädchen einen Mann und den Jungen eine Frau und manchen Mädchen ein Mädchen und manchem Jungen einen Jungen, ganz wie Ihr wollt. Hauptsache Ihr habt Euch lieb. Ich wünsche Euch Gesundheit, Freunde und wenig Schicksalsschläge. Und uns allen wünsche ich vor allem Frieden. Nehmt Euer Leben in Eure eigenen Hände. Nehmt es nicht schwerer als nötig, aber auch nicht zu leicht.

Denkt daran, dass es für jeden nur das Eine gibt und ist trotz aller Marktwirtschaft vom Umtausch ausgeschlossen.

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