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Kräftezehrende Jahre

Matthias Höhn ist nicht der erste Realo-Genosse, der im außenpolitischen Kursgerangel der Friedenspartei aufgerieben wird. Stefan Liebich war bis vor einigen Monaten außenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, dann gab er das Amt ab. Im September wird der 48-Jährige nicht erneut fürs Parlament kandidieren.

Liebich ist einer jener Genossen, die über Parteigrenzen hinweg höchstes Ansehen genießen. Eine Mitte-links-Regierung war sein Ziel. Dass die Fraktion ihn zu Beginn der Legislaturperiode
zum obersten Außenpolitiker machte, war auch ein Versprechen an die anderen Parteien: Keine Angst, sollte das heißen, mit uns kann man reden.

Intern suchte Liebich das Gespräch mit den Hardlinern. Nach außen wehrte er sich, so gut er konnte, gegen das Image einer autokratenverehrenden Linken. Es waren kräftezehrende Jahre. Nun will Liebich aufhören. Aus persönlichen Gründen, nicht aus Frust, wie er immer wieder betont. Doch es bleibt ein bemerkenswerter Schritt, jetzt da sein Traum einer Mitte-links-Koalition im Bund zum ersten Mal vorstellbar scheint. Noch nie hat die Linkenspitze dieses Ziel so offen formuliert wie derzeit, vielleicht noch nie war man der SPD so nah.

Aus: "Der Einzelkämpfer", Der Spiegel 07/2021, 13. Februar 2021