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Heißer Kampf um Berliner Szeneviertel

Porträt des Wahlkreises in "Die Presse"

Von unserem Korrespondenten THOMAS VIEREGGE

(Die Presse) 17.09.2005

Wahlkreis 77: Rund um den Prenzlauer Berg buhlen Promi-Kandidaten um jede Stimme.

BERLIN. Samstags ist Wochenmarkt auf dem Kollwitzplatz, dem Edelkiez im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg. Junge und nicht mehr ganz so junge Kreative schlürfen Prosecco oder Cappuccino, junge und nicht mehr ganz so junge Eltern schieben sich mit Kinderwagen durch die Menge.

Vor einem Stand delektiert sich Schauspielerin Gudrun Landgrebe an Obst und Gemüse, während über dem Kinderspielplatz rote und grüne Luftballons in die Lüfte steigen. Inmitten einer Kinderschar ertönt die Stimme eines Opa mit Brille und Rauschebart - es ist die von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Kritisch beäugt von der Bildhauerin Käthe Kollwitz, die wie ein Buddha auf ihrem Denkmalsockel ruht, erzählt Thierse auf Einladung des "Bundes für Umwelt und Naturschutz" von Massentierhaltung und Kennzeichnungspflicht - von Dingen also, von denen er zugibt, keine besondere Ahnung zu haben.

Wie denn auch, ist er doch eher der Philosophie zugeneigt und den großen Menschheitsfragen. Aber was macht man nicht alles im Wahlkampf? Der Wahlkreis 77 - Prenzlauer Berg-West, Pankow und Weißensee - mit seinen 220.000 Stimmberechtigten ist der am heißesten umkämpfte in ganz Deutschland. Drei frühere DDR-Bürgerrechtler und Bartträger sowie der Kandidat der Linkspartei rechnen sich hier die Chance auf ein Direktmandat aus. Nur die FDP-Kandidatin Gabriele Heise kämpft auf verlorenem Posten.

Im Buhlen um Stimmen treffen drei alte Freunde aufeinander: Thierse (SPD), von Spöttern auch als "Bürgermeister vom Kollwitzplatz" apostrophiert, seit 33 Jahren "Ureinwohner"; Günter Nooke (CDU); und der streitbare Werner Schulz von den Grünen, der sich mit seiner Rede bei der Vertrauensfrage im Bundestag und der Klage gegen Neuwahlen bundesweit Beachtung verschafft hat. Und schließlich der smarte Berliner PDS-Chef Stefan Liebich, ein 32-Jähriger, der am Ende sogar die Nase vorne haben könnte.

Einzig Thierse hat als Partei-Promi sein Mandat sicher. Und doch lud er wie Nooke zu Radtouren durch den Bezirk. Bei Veranstaltungen standen ihm Hertha-BSC-Trainer Falko Götz oder Nobelpreisträger Günther Grass zur Seite.

Nooke und Schulz gingen - jeder für sich - vor den U-Bahn-Stationen Eberswalder Straße und Schönhauser Allee auf Stimmenfang, schüttelten Hände, diskutierten mit Schülern unermüdlich über Legalisierung von Hanf und über Harzt IV, sie zogen durch Kneipen und Lokale: Im "Walden" oder im "Pasternak" suchten sie den Kontakt zum Stimmbürger.

Im grün-alternativen dominierten Milieu des Prenzlauer Bergs gilt Schulz als Favorit, im bürgerlichen Pankow Nooke, in den Plattenbauten von Weißensee Liebich.

Bei einem Gratis-Konzert in der "Kulturbrauerei" warb der kritische Liedermacher Hans-Eckhardt Wenzel für seinen Freund Schulz, damit dieser "ein wenig aufrechte Unordnung" ins Parlament bringe. Dafür bürgt der Querdenker Schulz. Zuletzt hatte sogar Intimfeind Joschka Fischer ein freundliches Wort für ihn übrig. Schulz eifert Hans-Christian Ströbele, dem bisher einzigen Grün-Kandidaten, der jemals ein Direktmandat errungen hat. Und auch diesmal strampelt der passionierte Radfahrer Ströbele wieder um den Einzug in den Bundestag - in Kreuzberg.

(c) Die Presse