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Auf dem Sprung

Die taz über vier Abgeordnete, die im Herbst der Politik den Rücken kehren werden

Linkenpolitiker Stefan Liebich, 48, blickt auf 25 Jahre Politik zurück, seit 11 Jahren sitzt er im Bundestag. „Wenn Leute fragen, warum ich aufhöre, werde ich häufig gefragt, ob es mir gutgeht. Ist doch traurig. Dass man nicht einfach so aufhören kann“ sagt er. Es gebe Leute, die krank und kaputt aus dem Bundestag ausscheiden. Zu denen wolle er nicht gehören.

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Im Dezember 2020 steht Stefan Liebich da, wo alles begann, im alten Dorfkern des Ostberliner Bezirks Marzahn, umragt von 11-Geschossern aus Beton. Hier ist er in den 80ern aufgewachsen. 1990, an seinem 18. Geburtstag, wurde er PDS-Mitglied – entgegen der Warnungen der Familie. PDS, das war die Nachfolgepartei der SED und die Vorläuferpartei der Linken. Als 13-Jähriger wurde Liebich vom Ministerium für Staatssicherheit angesprochen, er sollte doch über Mitschüler berichten. Liebich machte das, fand aber nichts in seiner Umgebung erwähnenswert. „Ich fühlte mich geehrt. Ich fand die DDR gut und kannte niemanden, der in der Opposition war“ erzählt er. Es war ein langer Prozess, das zu verarbeiten.

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Liebich geht mit dem Thema offen um. In der Linken gehört er heute zum Flügel der Reformer, die das Und der Parteilosung „Freiheit und Sozialismus“ betonen. 1995 war Liebich für die PDS erstmals ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen, Anfang der 2000er war er das Gesicht der Berliner PDS. Mit nicht einmal 30 Jahren schmiedete er die zweite Regierungskoalition mit der SPD im vereinten Deutschland. Er machte die verpönten SED-Nachfolger zum respektablen Partner in einer Landesregierung. Später, als außenpolitischer Sprecher, hielt er die Gegenrede, wenn ganz linke Genoss:innen zur Solidarität mit Russland aufriefen.

Liebich ging in die Politik, weil er schon im Kindergarten der Bestimmer sein wollte, erzählt er. Und wenn Schulklassen zu ihm in den Bundestag kommen, sagt er: „Diejenigen von euch, die gern Klassensprecher werden wollen, die könnten auch Lust auf Politik haben.“ Vermutlich würde ihm der Soziologe Max Weber da zustimmen, der 1919 die Schrift „Politik als Beruf“ veröffentlichte. Bestimmer sein zu wollen, gehörte für Weber zu den Merkmalen eines Berufspolitikers. In den ersten Monaten der Weimarer Republik skizzierte er den damals neuen Beruf des Politikers in der Demokratie. Weber sprach von Verantwortungsgefühl und Charisma, von Augenmaß und Leidenschaft. Er sah zwei Typen von Berufspolitikern: Die einen leben für, die anderen von der Politik.

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Stefan Liebich kennt das. „Die Berliner haben ja eigentlich immer was zu meckern“ sagt er. Fünf Jahre lang war er Partei- und Fraktionschef in der ersten rot-roten Koalition, die eine Stadt regierte, die praktisch bankrott war. Dazu kamen Konflikte in den eigenen Reihen, mit der Opposition und zwischen der Berliner und Bundes-PDS. Dauerstress. Damals habe er schon gelernt: „Karriere, immer weiter, das hat seine Kehrseite.“

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Nach der Bundestagswahl am 26. September fährt Stefan Liebich vielleicht nach Dänemark, wo er regelmäßig ein Ferienhaus mietet. Immer das gleiche. Er stellt sich das so vor: Drei Monate bleiben und spazieren gehen. Runterfahren. Er hat sich schon abgewöhnt, morgens zu gucken, was über ihn in der Zeitung steht. Während die Genoss:innen sich warm laufen für den Wahlkampf, über Listenplätze und Aufstellungsversammlungen reden, hat Liebich die Social-Media-Apps vom Handy gelöscht.

Aus: „Nach der Legislatur“, taz, 01. Januar 2021