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Und Tschüss...

...titelte der Tagesspiegel einen Beitrag über Bundestagsabgeordnete, die nicht mehr für die kommende Legislaturperiode kandidieren möchten. Ich gehöre dazu:

Er geht nicht im Groll. Doch wenn es überhaupt ein Grummeln gäbe, deutlich vernehmbar würde es Stefan Liebich nicht zu Gehör bringen: „Ich bin nicht der Typ, der mit lautem Knall geht“, sagt der Berliner Linken-Bundestagsabgeordnete, der im kommenden Herbst, dann 48 Jahre alt, mit der Politik aufhören will. Kein Mandat mehr, kein Parteiamt und das nach 25 Jahren parlamentarischer Erfahrung. Von 1995 bis 2009 saß er für die PDS im Berliner Abgeordnetenhaus. Dann ging es in den Bundestag: Dreimal gewann er das Direktmandat in Pankow. Hat ihm ein Arzt zum Aufhören geraten, wollte er einem Burn-Out entgehen? Haben ihn Parteifreunde bedrängt, denen er zu realpolitisch und vielleicht gar zu transatlantisch orientiert erschien? Liebich versichert, nichts von alldem sei der Fall. „Ich wollte einfach mal was anderes machen.“ Was genau? Vage sagt er, es gebe ein paar Ideen. Und: Dass sich die zweite Hälfte seiner beruflichen Laufbahn anders gestalten solle als die erste. Vorsichtig deutet er an, dass der Betrieb im Bundestag auch verschleißt. Er sehe dort manchmal „Kollegen, deren Batterie halb leer ist", sagte er der „taz“. Liebich wurde mit 18 Jahren Parteimitglied. Dass gerade die vergangenen Jahre als Außenpolitiker der Fraktion nicht die einfachsten waren, gibt er zu. Er musste manchen Kampf durchfechten. Zwischen Getreuen der linken Frontfrau Sahra Wagenknecht wie Sevim Dagdelen, Andrej Hunko und Heike Hänsel wirkte der gebürtige Wismarer wie ein Exot. Mit deren antiimperialistischem Kurs wollte er nichts zu tun haben. Nach eigenen Worten wich er Streit dabei nicht aus, hat ihn zum Teil gesucht. Er selbst nennt seine Bilanz „durchwachsen“. Und hofft, dass sein Nachfolger als außenpolitischer Sprecher, Partei-Promi und Ex -Fraktionschef Gregor Gysi, weiter in seinem Sinne agiert. Und das nicht nur in den außenpolitischen Fragen. Besonders wichtig war Liebich immer das Netzwerken für eine rot -rot -grüne Reformregierung im Bund. Dafür setzte sich der Linken -Politiker beständig ein, auch gegen teils starke Widerstände in den eigenen Reihen. Seine Partei sei inzwischen dafür aufgeschlossen wie nie zuvor, meint er. „Heute ist das bei uns Mainstream.“

Aus: "...und Tschüss", Tagesspiegel, 6. Oktober 2020