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Mehr Zeit für den Übergang

Interview mit "mitmischen.de" zu 30 Jahren Deutscher Einheit

Das Jugendportal „mitmischen.de“ des Bundestages hat mich anlässlich des 30. Jahrestags der Deutschen Einheit zu meinem ganz persönlichen Verhältnis zum 3. Oktober befragt. Ich habe mit ganz Persönlichem geantwortet:

Am 3. Oktober 1990 waren Sie 17 Jahre alt. Wie haben Sie die Wiedervereinigung Deutschlands erlebt?

Am Abend des 2. Oktober habe ich mit Freunden auf dem Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg im Osten Berlins gefeiert. Dort wurde von uns und anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen die ARU, die Autonome Republik Utopia, ausgerufen. Wir wollten quasi die BRD und die DDR verabschieden und ein ganz neues, tolles Land gründen. Natürlich gab es diese Republik dann nicht wirklich, aber den selbstgebastelten Ausweis dazu habe ich noch.

Sie haben damals in der DDR gelebt und sind zum Teil der Bundesrepublik geworden. Wie hat sich das angefühlt?

Ich war damals ein bisschen traurig, weil ich an meinem Land hing und unsicher war, was jetzt kommen wird. Es war klar, dass die meisten Menschen in der DDR diesen Staat nicht mehr wollten. Deshalb war der Weg zum vereinigten Land richtig. Das wusste ich irgendwie auch, trotzdem fiel es mir schwer, damit umzugehen. Ich hatte das Gefühl, dass die DDR politisch zu schwach war, um einige wichtige Ideen in die neue Bundesrepublik mit einzubringen. Wir hatten zum Beispiel ein besseres Angebot für Kinderbetreuung und der Schwangerschaftsabbruch war nicht illegal. Daher wäre es schön gewesen, sich ein bisschen mehr Zeit für den Übergang zu nehmen.

Sie sind in Berlin aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Wie haben Sie die geteilte Stadt damals erlebt?

Interessanterweise ist es mir als Kind gar nicht so aufgefallen. Als ich auf die Welt gekommen bin, stand die Mauer schon elf Jahre. Man hat es auch im Alltag kaum gemerkt. Ich habe den Westen eigentlich immer nur gesehen, wenn ich zum Freizeitpark im Plänterwald gefahren bin. Vom S-Bahnhof dort konnte man Hochhäuser in der Ferne sehen, die es so im Osten nicht gab. Aber damals habe ich nicht wirklich Fragen gestellt und hatte auch keine Freunde oder Familie im Westen.

Berlin hat während der Teilung Deutschlands und im Wiedervereinigungsprozess eine besondere Rolle gespielt. Haben Sie das persönlich gespürt und wenn ja, wie genau?

Es gab da ein paar Momente. Ich habe als Jugendlicher natürlich auch Westradio gehört. Der Sender mit der aktuellen Musik hieß RIAS 2. Die haben manchmal direkt an der Mauer im Westen große Konzerte mit Stars veranstaltet, die man aus dem Radio kannte. Das war schon beeindruckend, wenn man durch Berlins Mitte lief und die Musik von der anderen Seite gehört hat. Da habe ich schon wahrgenommen, dass man an der Nahtstelle von zwei unterschiedlichen politischen Systemen lebt.

Was denken Sie: Wie weit ist die Deutsche Einheit vollzogen?

Man wird heute kaum noch jemanden finden, der in die alte Zeit zurück will. Natürlich gibt es zwischen Ost und West immer noch Unterschiede, zum Beispiel wenn es um Rente oder Lohn geht. Aber Unterschiede und Vorurteile gibt es auch zwischen Nord und Süd und den einzelnen Bundesländern. Ich denke, wir sind schon sehr weit gekommen.

Was haben wir noch vor uns?

Wir haben eine Bundeskanzlerin, die aus dem Osten Deutschlands kommt. Aber trotzdem besetzen zu wenige Menschen aus dem Osten Spitzenpositionen. Botschafter und Botschafterinnen, Professuren an Hochschulen und Universitäten, Richter und Richterinnen – wenn wir wirklich ein gemeinsames Deutschland sind, müssen diese Ämter ganz selbstverständlich genauso auch mit Menschen aus dem Osten Deutschlands besetzt werden.

Und was ist Ihnen bei der weiteren Entwicklung wichtig?

Meine Bilanz der Wiedervereinigung ist unter dem Strich positiv. Ich habe als Außenpolitiker Menschen getroffen und Orte gesehen, die ich als Teil der DDR wohl nie hätte kennenlernen können. Meinen engsten Freund, Jan Korte, der auch in der Fraktion Die Linke ist, hätte ich vermutlich nie kennengelernt, weil er aus Niedersachsen kommt.

Aber ich sehe natürlich auch Menschen, die einfach keine Chance hatten. Und es ist sicher auch eine Altersfrage: Für die Generation meiner Eltern, für jene, die ihr Leben lang im System der DDR engagiert mitgearbeitet haben, war es natürlich schwieriger sich an die neue Situation zu gewöhnen. Ich hatte viel Glück und konnte mich schneller auf das neue Leben einlassen. Ich bin optimistisch, dass noch bestehende Probleme von neuen Generationen gelöst werden.

Was werden Sie am 3. Oktober machen?

Der 3. Oktober hat sich für mich nie so wirklich wie der Tag der Einheit angefühlt. Ich hätte mir den 4. November gewünscht. Damals sind zum ersten Mal hunderttausende Menschen in der DDR auf die Straße gegangen. Aber vor 18 Jahren ist am 3. Oktober meine Nichte zur Welt gekommen – und daher feiern wir auch in diesem Jahr im Familienkreis Geburtstag. Ich werde also nicht an öffentlichen Feierlichkeiten teilnehmen. Nicht aus Protest, sondern weil es sich für mich so natürlicher anfühlt.

Aus: „Am 3. Oktober feiere ich Geburtstag“, mitmischen.de, 30. September 2020