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Das Ringen der Bärtigen

Bundestagswahl: Drei Ex-Bürgerrechtler treten im selben Berliner Wahlkreis an - Ein Porträt des Wahlkreises in der Mitteldeutschen Zeitung

Berlin/MZ. Der Ost-Berliner Wahlkreis 77 ist vielleicht der spannendste des ganzen Landes. Hier konkurrieren drei Promi-Bürgerrechtler um ein Direktmandat.
Für Hans-Eckardt Wenzel ist die Sache klar. Ja, der in Wittenberg geborene und seit langem in Berlin lebende Liedermacher hat am Montagabend sogar ein Konzert für den grünen Kandidaten Werner Schulz gegeben - in der "Kulturbrauerei" im Herzen des Berliner Bezirks Prenzlauer Berg. Wenzel sagt: "Ich mag den zivilen Ungehorsam, den Werner Schulz an den Tag legt. Ich mag, wie sich da einer auf seinen gesunden Menschenverstand verlässt und wie Don Quijote gegen den formalisierten Schwachsinn angeht. Da fühle ich mich ihm nahe." Dabei, so der Liedermacher, sei das hier weniger eine politische Auseinandersetzung als ein "kultureller Kampf" zwischen "lauter Ostleuten, die ein gewisses Charisma haben".

Kulturkampf in Pankow

Der Kulturkampf spielt im Ost-Berliner Wahlkreis 77, der Pankow, Teile des Prenzlauer Bergs und Weißensee umfasst. In diesem sozio-kulturell eher links-liberalen Milieu treten drei Promi-Bürgerrechtler gegeneinander an. Hinzu kommt noch der Landesvorsitzende der Linkspartei als Konkurrent.

Für die CDU startet Günter Nooke. Der 46-Jährige war vor 1989 in der kirchlichen Opposition aktiv. Später ging er zu den Grünen und dann zur CDU, wo er zwischenzeitlich zum Vize-Chef der Unionsfraktion aufstieg. Nun hat man dem eigenwilligen Nooke die Absicherung auf der Landesliste verweigert; er hielt sich in dem intriganten CDU-Landesverband nicht ausreichend an die Spielregeln. Der Bartträger erobert also den Wahlkreis - oder aber er wird arbeitslos.

Anders steht es um SPD-Bartträger Wolfgang Thierse. Der 61-jährige Bundestagspräsident rangiert auf Platz eins der Landesliste und wird dem Parlament auf jeden Fall wieder angehören. Freilich kann und will Thierse den Kampf ums begehrte Direkt-Mandat nicht aufgeben - auch wenn er mit dem Grünen Schulz befreundet ist.

Der 55-jährige Stoppelbartträger wiederum hat es sich mit dem grünen Establishment verscherzt, als er gegen die Neuwahlen Front machte, den Bundestag mit der DDR-Volkskammer verglich und überdies der westdeutschen 68er Bewegung noch einen verbalen Hieb verpasste.
Mit dem Alt-68er Joschka Fischer ist Schulz schon länger über Kreuz. Und weil sich die Grünen in ihrer autoritären Fixierung auf den bärbeißigen Außenminister nicht beirren lassen, haben sie den frechen Ostler verstoßen und ihm wie Nooke keinen aussichtsreichen Listenplatz zugestanden. Damit nicht genug: Am Samstag hat Schulz auf dem beliebten Wochenmarkt am Kollwitzplatz an einem Stand Wahlkampf gemacht - während der grüne Umweltminister Jürgen Trittin 50 Meter weiter auf demselben Wochenmarkt entspannt seine Freizeit genoss. Manche fürchten, Thierse und Schulz könnten sich die Stimmen klauen, so dass Linkspartei-Landeschef Stefan Liebich, 32, in den Bundestag einzöge.

Am Prenzlauer Berg, das steht fest, dreht es sich in diesen Tagen weniger um Konzepte als um Personen und ein Lebensgefühl. Echte politische Alternativen, glaubt Liedermacher Wenzel, existierten ohnehin nicht. "Es gibt bloß die Möglichkeit, einen schmerzhaften gesellschaftlichen Prozess mit Geschick abzufedern - oder ihn einfach laufen zu lassen", findet der große und vitale Mann mit den langen, lockigen Haaren.

Geldmangel im Abseits

Und er fährt fort: "Immer öfter erlebe ich im Osten Leute, die sich gern eine CD von mir kaufen würden, die aber das Geld dazu nicht haben." Für diese Menschen im sozialen Abseits müsse man etwas tun.

(c) Mitteldeutsche Zeitung