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Zwangsmittel nur als allerletzte Option

„Nach einer kurzen Umgewöhnungszeit haben die meisten Menschen verstanden und akzeptiert, dass Abstand die beste Reaktion auf eine schnelle Ausbreitung des Virus ist. Ich hoffe weiter, dass in einer freien und demokratischen Gesellschaft Zwangsmittel nur die allerletzte Option sind. Mich hat daher der Ruf nach Ausgangssperren ebenso besorgt, wie der Eindruck, dass es manchem Entscheider mehr um die eigene Darstellung, als um die beste Lösung ging.

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Auch für mich als Politiker ist die gegenwärtige Zeit eine große Umstellung. Internationale Konferenzen, zum Beispiel des Petersburger Dialogs in Moskau oder von Linken in New York City wurden abgesagt, ebenso wie die Treffen meiner Pankower Parteiorganisation, denen ich dort die Gründe für meine Entscheidung darlegen wollte, nicht erneut für den Bundestag zu kandidieren. Dafür nehmen die Telefon- und Videokonferenzen in einem Maße zu, dass man sie planen muss, um nicht durcheinander zu kommen.

Die Bürgerinnen und Bürger meines Wahlkreises, die sich in der Vergangenheit mit allen möglichen Themen an mich gewandt haben, tun dies derzeit kaum noch, da sie offenbar genug zu tun haben, ihr eigenes Leben zu organisieren. Hin und wieder erreichen mich Fragen oder Bitten um Unterstützung, wenn es darum geht im Ausland steckengebliebene Verwandte zurückzuholen.

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Wie lange es so weitergeht? Niemand kann das wohl derzeit sagen. Uns bleibt die Hoffnung, dass möglichst bald ein Impfstoff entwickelt wird und wir zu einem normalen Leben zurückkehren können. Vielleicht nehmen wir ein paar Lehren mit, zum Beispiel wer in diesen ernsten Zeiten tatsächlich „systemrelevant“ war und dass ein solidarisches Miteinander essentiell für unser Zusammenleben ist.

Aus: „Corona: Wir fragen, Politiker antworten“, The European, 4. April 2020