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Vier sind drei zu viel

Wahlkampf in Pankow (beobachtet von Tagesschau online)

Zu DDR-Zeiten residierten in Pankow die Spitzen des SED-Regimes. Heute kandidieren hier drei ehemalige Bürgerrechtler um ein Mandat für den Bundestag. Favorit ist Bundestagspräsident Thierse. Sein größter Konkurrent ist aber kein Ex-Regimegegner, sondern ein Kandidat von der Linkspartei.PDS.

Von Frank Thadeusz, tagesschau.de

Günter Nooke macht Wahlkampf in einem kleinen roten Bus. Nicht einer von jener luxoriösen Sorte, mit denen Guido Westerwelle oder Joschka Fischer durch die Republik gereist sind. Das Gefährt ist für seine Zwecke allerdings völlig ausreichend. Nooke muss ein ungleich kleineres Gebiet beackern. Der 46-Jährige kandidiert im Wahlkeis 77, Berlin-Pankow. Der größte Berliner Bezirk ist ein bisschen wie die Republik im Kleinformat: Es gibt den szenigen Prenzlauer Berg, aber auch lauschiges Bürgeridyll, soziale Brennpunkte in Plattenbauten und Bauernhöfe im ländlichen Norden.
Außerdem residierte die DDR-Nomenklatura im feinen Teil Pankows. Als die DDR unterging, war Nooke 31 Jahre alt. Damals war er Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und trug einen langen Bart. Seitdem fällt im Zusammenhang mit seinem Namen stets die Bezeichnung Bürgerrechtler. Inzwischen ist der Bart deutlich getrimmt. Nooke war erst beim Bündnis 90 und ging dann zur CDU. In Pankow kandidiert er nun auf eigene Rechnung. Die Union in Berlin nominierte ihn nicht für einen sicheren Listenplatz. Nooke gilt als Querkopf.
Kampf ums politische Überleben
Um wieder in den Bundestag einzuziehen, muss Nooke den Wahlkreis direkt gewinnen. Doch die Konkurrenz ist stark: Mit Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) und Werner Schulz (Grüne) kandidieren zwei weitere frühere Bürgerrechtler um die meisten Stimmen im Wahlkreis. Für die Linkspartei tritt außerdem deren Berliner Landeschef Stefan Liebich an. Für Nooke geht es ums politische Überleben in der Politik. Er kämpft im Wortsinn um jede Stimme.
In einer Pankower Eckkneipe trifft der Kandidat um 12 Uhr Mittags auf eine trinkfeste Herrenrunde. Vor den Männern stehen Pilsgläser und kleine Fläschchen mit Boonekamp, einem Magenbitter. "Sie müssen mehr gegen die Ausländer tun", kräht einer der Männer. "Wir sind immerhin die einzigen, die was dagegen tun, dass die Türkei in die EU kommt", erwidert Nooke. "Das ist auch das Mindeste. Das sind ja 97 Prozent Asiaten", meint sein Gesprächspartner. Nooke bestellt sich auch ein Pils. Seine Chancen auf ein neues Bundestagsmandat stehen nicht besonders gut. 2002 holte er gerade mal knapp 17 Prozent. In einem Matratzengeschäft erklärt Nooke den Besitzern, wie er es dennoch schaffen will: "Ein bisschen zusammen mit Schulz gegen Thierse. Und der von der PDS will sowieso in Berlin bleiben." Natürlich weiß Nooke, dass es unter Direktkandidaten keine Koalitionen gibt.

Ein Opfer von Mobbing?

Schon gar nicht mit Werner Schulz. Der gehört wie Nooke zur Riege der Bürgerrechtler. Er ist Mitbegründer des oppositionellen Neuen Forums, gehörte lange Zeit zum Pankower Friedenskreis. Seit der Wiedervereinigung sitzt er im Bundestag. Ähnlich wie Nooke gilt er unter den eigenen Parteikollegen als bisweilen unberechenbar. Er hat gegen die Auflösung des Bundestages geklagt und am Tag der Vertrauensfrage eine kritische Rede gegen den Kanzler gehalten.
Die Mitglieder der eigenen Partei haben ihn nicht wieder für die Landesliste nominiert. "Weil mich Leute aus der Parteispitze gemobbt haben", sagt Schulz. Auf einem Straßenfest in Pankow verteilt er nun Faltzettel mit seinem Konterfei. Es geht auch bei ihm um alles oder nichts. Er lächelt, macht kleine Scherze mit den Passanten. Doch kaum einer will mit Schulz sprechen. Viele erkennen ihn nicht einmal. "100 Prozent positiv" würden die Leute auf seine Klage reagieren, hat er beobachtet. Mit der Kritik an Rot-Grün will sich der Grüne für ein Direktmandat empfehlen. Dem Parteikollegen Christian Ströbele gelang 2002 auf diese Weise der Einzug in den Bundestag. Sein zweites Argument: "Thierse ist sowieso drin. Deshalb brauche ich Ihre Erststimme".

Durchgeschwitztes Hemd für den Wahlsieg

"Das ist doch eine perfide Argumentation", erregt sich Wolfgang Thierse über das wahltaktische Kalkül von Mitbewerber Schulz. Keineswegs sei er über die Landesliste abgesichert. "Schulz und Nooke strampeln ums Überleben, aber das kann mir doch nicht zum Nachteil gereichen", empört er sich. Der Bundestagspräsident wird in einer schwarzen Mercedes-Limousine am "Fest an der Panke" vorgefahren. Weil es sehr heiß ist, trägt er lediglich ein Hemd und eine bequeme Baumwollhose. Mehrere Personenschützer gruppieren sich diskret um Thierse. Der greift sich beherzt einen Stapel Wahlzettel.
"Guten Tag, mein Name ist Wolfgang Thierse, ich brauche Ihre Erststimme", sagt er zur Begrüßung. "Hi, Hi, wir kennen sie ja", kichern einige Damen. Thierse ist mit Abstand der prominenteste aller Bundestagskandidaten in Pankow. Als ranghöchster Vertreter einer Regierungspartei bezieht er von den Wählern auch mit Abstand am meisten Prügel. Ein Rentner arbeitet die Punkte seines Meckerzettels ab. Thierse hört geduldig zu, widerspricht dann an einigen Stellen heftig, nickt an anderen Stellen verständnisvoll. Aber Thierse lässt sich nicht festnageln. Nach ein paar Minuten beendet er sehr bestimmt das Gespräch. Ein Irrtum zu glauben, der bärige Thierse ließe sich überrumpeln. Er bestimmt die Spielregeln, will so viele Wähler wie möglich persönlich ansprechen. Nach anderthalb Stunden ist sein Hemd durchgeschwitzt.

"Ich muss nicht in den Bundestag"

"Thierse ist der klare Favorit", meint Stefan Liebich. Mit 32 Jahren ist er der jüngste Kandidat im Bezirk. Es gibt noch einen anderen wesentlichen Unterschied zur Konkurrenz: Während Thierse, Nooke und Schulz nach der Wende radikal mit der DDR abrechneten, trat Liebich 1990 mit 18 Jahren in die PDS ein. Inzwischen ist er in Berlin Landes- und Fraktionschef der Linkspartei. "Ich muss nicht unbedingt in den Bundestag, ich habe hier meine Aufgaben", sagt er. Er steht an einer lauten Straße in Weißensee und verteilt rote Faltzettel, die wie Flyer von der Sparkasse aussehen.
Auf die Leute zugehen wie Thierse oder Nooke mag er nicht. "Ich bin ja kein Drücker", lautet seine Begründung. Trotzdem ist er wohl der einzige, der Thierse gefährlich werden kann. Sein Kalkül: "Zum einen nimmt Schulz Thierse Stimmen weg. Zum anderen leidet Thierse unter dem allgemeinen Abschwung der SPD. Dadurch könnte es für mich reichen".
Glaubt man den Umfragen, müssen sich Günter Nooke und Werner Schulz sehr wahrscheinlich demnächst aus dem Bundestag verabschieden. Es wäre sicher eine Ironie der Geschichte, wenn sie ausgerechnet von einem PDS-Mann besiegt würden.

(c) Tagesschau online