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Stefan Liebich

An der Küste der betrogenen Hoffnungen

Ein Besuch in Senegal

An der Universität Dakar

Meine letzte Reise in der Funktion des außenpolitischen Sprechers der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag führt mich dieser Tage nach Afrika. In der Hauptstadt von Senegal, Dakar, informiere ich mich mit Hilfe des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung auch über die Ursachen und Auswirkungen von Migration und treffe mich mit Aktivistinnen und Aktivisten, die gegen den menschengemachten Klimawandel kämpfen. Besonders beeindruckt hat mich die Begegnung mit jungen Studentinnen an der Universität Dakar. Sie stellten in unserem Gespräch unumwunden klar: „Wir lassen uns von unseren Regierungen nicht unser Leben kaputt machen! Wir wollen, dass, wer an Afrika denkt, nicht länger die Bilder von Krieg und Hunger im Kopf hat!“ Ich hatte es schon lange nicht mehr erlebt, dass jemand so kraftvoll für einen optimistischen Blick auf Afrika eingetreten ist.

Fischer ohne Zukunft

Besonders betroffen gemacht hat mich mein Besuch im Fischerort Yarakh. Dort gibt es eine Vereinigung, die nennt sich MigDev, das bedeutet Migration Développement, das Projekt wird seit 2017 von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt. Der Älteste berichtete: „Einst war Yarakh eines der schönsten Fischerdörfer der Welt, es gab auch einige Bauern. Aber dann, als die großen Firmen in der Umgebung eröffneten, änderte sich für die 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner alles. Sie ließen ihr Abwasser einfach in das Meer laufen und die Fische starben. Auf den Feldern der Bauern wurden Wohngebiete errichtet, später schlossen die Firmen. Die Europäische Union, Russland und andere begannen, mit riesigen schwimmenden Fischfangfabriken auch die weiter entfernten Fischgebiete zu leeren, die einst schöne Küste stank und war eine Müllhalde. 2006 begann die Migration. Unsere Söhne und Brüder stiegen in die Boote und machten sich auf den 1.500 Kilometer langen Weg nach Europa. Viele starben. Wir haben dann MigDev gegründet. Wir verteidigen das Recht auf Migration, wollen aber auch über die Risiken aufklären. Über die gefährliche, lange Route. Darüber, dass Europa kein Paradies ist. Wir wollen jenen helfen, die zurückkehren. Es gibt bei uns psychologische Betreuung. Niemand steckt es einfach so weg, wenn er in Handschellen in ein Flugzeug gesetzt und zurückgeschickt wird. Und wir kümmern uns um Perspektiven, um Ausbildung, um Umweltschutz.“

Nach dem Vortrag des Vereinsvorsitzenden meldeten sich weitere Leute im Raum. Es waren berührende, traurige Geschichten. Über die Wut auf Europa, das mit seinen Leuten einen Kontinent gewaltsam kolonisiert hat, aber dessen Bewohnerinnen und Bewohnern verweigert, nach Europa zu kommen. Über eine Mutter, die den Tod ihres Sohnes auf der Flucht nie verwunden hat. Und über eine gescheiterte Flucht, die Rückkehr und den Versuch eines Neuanfangs.

Wir gingen dann zu dem verschmutzten, stinkenden Strand. Ich sprach mit den Fischern, die nicht verstehen, warum Europa ihnen die Fische stiehlt und gleichzeitig seine Tür vor ihnen verschließt.

Diese Geschichte, über die Fischer in Senegal und die Fischereiabkommen der EU, habe ich in meinen Vorträgen über „Fluchtursachen, nicht Flüchtende bekämpfen“ wieder und wieder erzählt. Plötzlich nun standen diese Fischer vor mir.