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Stefan Liebich

(Fast) Vergessene Konflikte: Nigeria und Boko Haram

Seit nunmehr 10 Jahren tobt in Nigeria der Krieg der islamistischen Rebellengruppe Boko Haram gegen die Bevölkerung. In zehn Jahren hat der Krieg zu 30.000 Tote und zwei Millionen Flüchtlinge geführt. Allein dieses Jahr sind 134.000 Binnenvertriebene dazugekommen.

Und pünktlich zum Jahrestag stellte Boko Haram seine Schlagkraft erneut unter Beweis und tötete bei einem Anschlag Mitte Juli 65 Menschen einer Trauergemeinde auf einem Friedhof in Budu. Nigerias Präsident Muhammadu Buhari erklärte daraufhin wieder einmal, dass Boko Haram einen „hohen Preis“ zahlen werden. Doch seine Versprechungen, dass die Regierung entschlossen sei, Boko Haram ein Ende zu setzen, sind kaum noch glaubhaft. 2015 wurde Buhari erstmals Präsident Nigerias, 2019 gelang ihm die Wiederwahl - in beiden Fällen trat er mit dem gleichen Versprechen an: Den Terror in Nigeria endgültig zu beenden.   

Angesichts der Ausbreitung des Krieges in benachbarte Gebiete von Kamerun, Tschad und Niger taten sich 2015 die Armeen aller Länder zusammen. Endgültig besiegt wurde Boko Haram jedoch nicht, im Gegenteil. Teile davon schlossen sich dem „Islamischen Staat“ (IS) an. Das oft brutale Vorgehen von Nigerias Armee sorgte für neue Rekruten, während sich die Bevölkerung insgesamt alleingelassen fühlt. Und seit Beginn dieses Jahres mehren sich die Anschläge wieder, die in den vergangenen Jahren abgenommen hatten.

Die Welt zeigt indes nur bedingt Interesse an dem Konflikt, der noch immer droht, zu einem afrikanischen Flächenbrand zu werden - trotz aller Bekundungen, man wolle Fluchtursachen bekämpfen. Nur einmal in den zehn Jahren, die der Krieg nun wütet, nahm die Weltgemeinschaft ernsthaft Anteil. Als 2014 knapp 300 Schülerinnen durch Boko Haram Terroristen entführt wurden, ging ein Aufschrei um die Welt und sorgte für Trauer und Wut. Doch schnell flaute die Aufmerksamkeit wieder ab. 

Und was macht Deutschland? Zum einen leistet die Bundesregierung seit Jahren Unterstützung bei der Ausbildung und Ausstattung der nigerianischen Sicherheitskräfte, die aber selten gute Schlagzeilen schreibt, im Gegenteil: 7000 Kämpfer von Boko Haram sollen in nigerianischer Gefangenschaft inzwischen zu Tode gefoltert worden sein. Zum anderen liefert Deutschland auch in den vergangenen Jahren fleißig weiter Rüstung und Waffen in den Krisenstaat. 

Dabei könnte Nigeria dringend Hilfe im zivilen Bereich brauchen. Nigeria, Afrikas größte Volkswirtschaft, hat Indien als Armenhaus der Welt abgelöst. Mehr als 87 Millionen Menschen müssen hier mit weniger als 1,90 Euro am Tag auskommen und leben damit in extremer Armut. Zeitgleich ist Nigeria auch das Land des größten Reichtums, auch dank der riesigen Ölvorkommen, über die das Land verfügt. Statt Waffen und Rüstung sollte Deutschland also lieber Initiativen zur Korruptions- und Armutsbekämpfung nach Afrika liefern und damit konsequent die Ursachen für Unzufriedenheit und Flucht bekämpfen.