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Stefan Liebich

Ring frei! Die US-Demokraten eröffnen den Wahlkampf

Kommentar zum US-Wahlkampf in der außenpolitischen Zeitschrift WeltTrends

Vor allem ein Name wird in den letzten Wochen immer wieder erwähnt, wenn es um den offiziell eröffneten US-Wahlkampf auf demokratischer Seite geht: Joe Biden. „Middle-Class-Joe“, wie er sich selbst gern nennt, könnte gute Chancen haben und wäre vielleicht eine der sichersten Varianten für die Demokraten, gegen Trump anzutreten. Zweimal war er schon Kandidat für das höchste US-Staatsamt, acht Jahre Vize-Präsident an der Seite Barack Obamas. Für das neue, junge Amerika steht Biden sicher nicht. Tatsächlich sind die Bewerberinnen und Bewerber aber spannender und diverser als der mediale Hype um Biden in den letzten Wochen Glauben macht. Bis zum Parteitag der Demokraten im Juni 2020 wird das bunte Feld nun um die Gunst der eigenen Partei buhlen, dann wird die Herausforderin oder der Herausforderer gegen Trump gekürt. Mit der Wahl wird die Demokratische Partei auch entscheiden, in welche Richtung sie sich künftig entwickeln will, und da ist mehr als eine Richtung denkbar.

Jung, weiblich, schwarz, weiß, schwul, alt - die Demokraten haben alles

Betrachtet man das Feld der Kandidatinnen und Kandidaten genauer, fällt auf, dass bei den Demokraten viel in Bewegung ist. Zwischen einem „Weiter-so!“ Biden, der sinnbildlich für den alten, weißen, mächtigen Mann steht, der gern auch mal Frauen zu nahe kommt, bis hin zum 37-jährigen Pete Buttigieg, der der jüngste, und erste offen schwule Präsident der amerikanischen Geschichte wäre. Und dann ist da natürlich Bernie Sanders, Ikone der linken Demokraten, der von sich selbst sagt, Demokratischer Sozialist zu sein. Sanders war es auch, der im letzten Wahlkampf überraschend am meisten Zuspruch der jüngeren, hochmotivierten Amerikaner bekam und zu einer ernsthaften Konkurrenz für Hillary Clinton wurde. Der Underdog sammelte mehr Kleinspenden, als alle anderen Kandidaten und startete seinen Wahlkampf als Graswurzelbewegung. Er forderte mutig eine kostenfreie Krankenversicherung für alle US-Amerikaner, eine höhere Besteuerung der Reichen und einen Mindestlohn von 15 Dollar - und zog seine Partei damit quasi im Alleingang nach links. Für die nächsten Wahlen ist Sanders definitiv kein Außenseiter mehr.

Tatsächlich aber sind die Demokraten heute jünger und vor allem weiblicher. Das zeigen Bewerberinnen wie Tulsi Gabbard, die 38-jährige Kongressabgeordnete aus Hawaii, eine Ex-Soldatin, die sich heute gegen jegliche Militäreinsätze der USA im Ausland einsetzt, oder Kirsten Gillibrand, 52, eine der führenden liberalen Stimmen des US-Senats. Aussichtsreich könnte auf Grund ihrer Bekanntheit auch Elizabeth Warren sein, die engagiert für eine gerechtere Einkommensverteilung und gegen Korruption kämpft. Auch in weiterer Zukunft dürfte bei den Demokraten mit Frauen zu rechnen sein, denn mit Alexandria Ocasio-Cortez bringt sich in New York schon die nächste Generation linker Demokratinnen in Stellung.

Demokraten zwischen Reform und Revolution

Hier zeigt sich aber auch das gesamte Dilemma des demokratischen Wahlkampfs, müssen sie doch den Spagat zwischen Rostgürtel und Ost-Küsten-Ivy-League schaffen, damit der Sprung ins Weiße Haus gelingen kann. Mit wem die Chancen höher stehen, dieses Ziel zu erreichen, daran scheiden sich die Geister, nicht nur in den USA. Mal heißt es, die Chancen mit einem Mann des Establishments, von den Gewerkschaften gestützt, stünden höher. An anderer Stelle ist wiederum zu lesen, auch anhand des Personals müsse sich zeigen, dass ein „Weiter so!“ nach Hillary Clinton für die Demokraten keine Option sein kann. Wofür sich die Partei in knapp eineinhalb Jahren auch immer entscheiden wird, es bleibt spannend. Und klar ist auch: Es bewegt sich etwas in den USA, die Vereinigten Staaten sind mehr als Trump. Gut so!