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Endstation Pankow

Eine Porträt des Wahlkreises Pankow, Prenzl. Berg, Weißensee in "Der Spiegel"

Von Caroline Ischinger und Michael Sontheimer

Im Berliner Wahlkreis 77 kämpft ein Quartett profilierter Ostdeutscher - darunter Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und die Ex-Bürgerrechtler Günter Nooke und Werner Schulz - um das Direktmandat. Lachender Vierter könnte der Kandidat der Linkspartei sein.

Berlin- Günter Nooke pumpt schnell noch die Reifen seines metallicblauen Mountainbikes auf. Zusammen mit seiner Frau - sie ist Chefin des Dokumentationszentrums Berliner Mauer - hat der CDU-Bundestagsabgeordnete im Rahmen seines Wahlkampfs zur Fahrradtour entlang der einstigen innerdeutschen Grenze in der Hauptstadt eingeladen.

Zwar hat der ehemalige DDR-Bürgerrechtler seine Kampagne unter das Motto "Ganz Berlin für Günter Nooke" gestellt, doch ausgerechnet in seinem Wahlkreis 77, der aus den Ost-Berliner Vierteln Pankow, Prenzlauer Berg und Weissensee besteht, hat sich das wohl noch nicht herumgesprochen. Nur vier junge Wahlhelfer und zwei ältere Sympathisantinnen aus West-Berlin wollen die Reise in die Vergangenheit mitmachen.

Als plötzlich doch noch ein Paar mit Kind angeradelt kommt, winkt Nooke freudig: "Na, kommen Sie auch zur Mauerfahrt?" Die Antwort: "Nee, wir gehören doch zu den Frustrierten!"

Nooke steht vor einer ausgesprochen anspruchsvollen Aufgabe, hat er doch in dem mit über 275.000 Stimmberechtigten größten Wahlkreis der Hauptstadt drei bekannte ostdeutsche Männer gegen sich.

Der Grüne Werner Schulz kämpft, ebenso wie Nooke, nachdem er dank seiner Klage gegen die Neuwahlen in Karlsruhe bei der Parteiführung endgültig in Ungnade gefallen ist, ohne Absicherung auf der Landesliste um seine Existenz in der Bundespolitik. Auch der 32 Jahre junge Kandidat der Linkspartei.PDS, Stefan Liebich, kann nur direkt in den Bundestag einziehen. Lediglich Wolfgang Thierse, der 2002 für die SPD das Pankower Direktmandat holte, ist mit dem Platz eins auf der Berliner Landesliste ein Platz im Reichstag relativ sicher.

Nooke, Schulz und Thierse verwandelten sich während der Wende von Dissidenten in Berufspolitiker. Aber da auch eine friedliche Revolution irgendwann ihre Kinder frißt, bringt der Wahlgang am 18. September mindestens für einen, höchstwahrscheinlich für zwei das Ende der politischen Karriere: Endstation Pankow.

In dem heterogenen Wahlkreis, der im Kalten Krieg Walter Ulbricht und die DDR-Nomenklatura beherbergte, in dem heute im Prenzlauer Berg die Trends des Neuen Berlin gesetzt werden, kommt es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Von "vier politischen Schwergewichten" und einem "Kampfplatz der Prominenz" schrieb die "Berliner Morgenpost".

Mit entsprechendem Aufwand wird plakatiert, und über den entspannten jungen Menschen, die in den Cafes in "Prenzelberg" ihren Latte schlürfen, prangen - ästhetisch stark abfallend - die Konterfeis eines mondgesichtigen Thierse, 61, und skeptisch dreinblickenden Schulz, 55. Nach 15 Jahren im Bundestag haben sie zwar das gesetzliche Rentenalter noch nicht erreicht und können wie fast alle Politiker nicht aufhören, doch sie nähern sich ihrem politischen Verfallsdatum. Selbst wenn Thierse es noch einmal schafft, wird der neue Bundestag ihn nicht mehr zum Präsidenten wählen.

Gleichwohl ist Thierse der Lokalmatador und versucht seinen Status als Ober-Ossi zu festigen. Wenn er am Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg zum Talk mit dem TV-Moderator und Autor Jörg Tadeusz lädt, platzt das Lokal aus allen Nähten und eine dicke Traube drängt sich auf dem Bürgersteig. "Ich habe noch nie einen Abgeordneten wegen eines ungehörogen Zwischenrufes rausgeworfen", plaudert er dann präsidial und locker gleichermaßen. "Aber ich höre auch nicht so gut."

Thierse und Schulz - das macht den Kampf um Pankow pikant - sind befreundet. Bei der letzten Wahl 2002 machten Schulz, damals auf einem sicheren Listenplatz, und Thierse noch gemeinsame rot-grüne Sache, empfahlen Erststimme SPD und Zweitstimme Grüne zu wählen. Zudem hatte die PDS eine unbekannte Studentin aufgetellt. Jetzt kämpft Schulz um jede Erststimme, und mit Liebich tritt für die Linkspartei.PDS der in der Hauptstadt profilierte Berliner Landeschef und Fraktionsvorsitzende an.

Thierse beklagt denn auch im Cafe "Endlos", daß er nicht nur 40 Jahre die Herrschaft der SED erdulden mußte, sondern seit der Wende stets starke PDS-Kandidaten am Hals hat. Der Schriftsteller Stefan Heym und die Ex-Pionierleiterin Petra Pau schlugen ihn 1994 und 1998 - was ihm Hohn und Spott bei Schröder, Lafontaine und anderen West-Genossen einbrachte. Jetzt fürchtet er, dass Schulz und Nooke ihm entscheidende Stimmen abjagen könnten und der smarte Linke Liebich als lachender Vierter triumphieren könnte.

Aber verbindet die einstigen Bürgerrechtler mehr als die bärtige Gesichtshaartracht und das im Vergleich zu Westpolitikern weniger glatte, persönlichere Auftreten? Das Trio saß schon zusammen in der im März 1990 gewählten letzten DDR-Volkskammer. Nooke und Schulz waren Abgeordnete des Bündnis 90, doch Nooke machte die Vereinigung mit den Grünen nicht mit und ließ sich später von der CDU ködern. Thierse war zunächst - wie Schulz - beim Neuen Forum, bevor er der SPD beitrat.

Viele Gemeinsamkeiten aus der Opposition gegen den SED-Staat sind aber offenbar nicht geblieben. "Thierses Zeit ist abgelaufen", giftet Nooke nach der Fahrradtour beim Bier: "Ich wäre froh, wenn uns seine moralisiernden Reden erspart blieben."

Nooke sei eben "ein ruppiger Typ", kommentiert Thierse solche Anwürfe. "Der poltert seit sieben Jahren gegen mich." Da gibt sich der Bundestagspräsident lieber staatsmännisch und baut auf die Bekanntheit dank seiner Medienpräsenz. Und wenn der Stellvertretende SPD-Vorsitzende mit den Schriftsteller Günter Grass, den Theatermann Jürgen Flimm und weitere Kulturprominenz auftritt, reichen die 400 Plätze im Saal bei weitem nicht.

Der gelernte Kulturwissenschaftler weist es von sich, dass er jetzt in Pankow die letzten DDR-Bürgerrechtler des Bundestags in Pension schickt. "Ich war schon immer hier", beteuert der Mandatsinhaber. Er sei deshalb "nicht Schuld an dieser unglücklichen Konstellation." In der Tat tauchte Nooke 1998 im Wahlkreis Pankow auf, Schulz erst 2002. Thierse hingegen, dem die Favoritenrolle zufällt, lebt sei 32 Jahren im Prenzlauer Berg.

Auch wenn sich alle Kandidaten als Generalisten verstehen, dominieren im Wahlkampf - nachdem sich die Aufgregung um Stoibers "Frustrierte" wieder gelegt hat - die Arbeitslosigkeit und andere Probleme der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Gut 17 Prozent im Wahlkreis haben keinen Job.

Er "mache die Gerechtigkeitsfrage auf", nennt das Linkskandidat Liebich. "Wenn man sich Reformen verweigert", argumentiert Thierse weniger schlicht, "erhält man den Sozialstaat nicht, sondern zerstört ihn."

Schulz prangert die verbreitete "Wachstumslüge" an, dass jemals durch Wirtschaftswachstum wieder Vollbeschäftigung zu erreichen wäre. Nooke hofft auf eine "Grundstimmung, dass es wirtschaftlich nicht mehr so weiter gehen kann".

Der leger im Existentalisten-Schwarz gekleidete Schulz gerät im russischen Szene-Restaurant "Pasternak" ins Schwärmen, wenn er von der Gründung des Pankower Friedenskreises anno 81 oder der Belagerung der Gethsemane-Kirche durch die Stasi im Herbst 1989 erzählt. Aber er fügt mit traurigem Blick hinzu: "Glauben Sie bloß nicht, dass das Etikett Bürgerrechtler unbedingt ein Vorteil ist." Er sei nie ein Opportunist gewesen, beteuert er, und nennt Thierse "einen Parteisoldaten".

In der Tat verbindet Schulz und Nooke gemeinsam, dass die beiden als schwer berechenbare Einzelgänger und Ostler, nie in ihren Parteien vollständig integriert waren und jetzt ausgeschieden wurden.

Aber die Vergangenheit, darin sind sich alle Kandidaten einig, spielt 15 Jahre nach der Wende ohnehin nicht mehr die entscheidende Rolle. Den Ostbonus, als Vertreter der ethnischen Minderheit der einstigen DDR-Bürger, haben alle vier Kandidaten ohnehin.

Die Pankower Kontrahenten werden vor allem als Vertreter ihrer jeweiligen Partei wahrgenommen, und da hat es Nooke als Kandidat der Union, die in Berlin eine West-Partei geblieben ist, am schwersten.

So berichtet einer der CDU-Wahlhelfer einigermaßen erschüttert von seinem letzten Einsatz auf der Straße. Da hatte sich neben dem CDU-Informationsstand ein Passant berufen gefühlt, "anhaltend Kotzgeräusche zu imitieren".

© SPIEGEL ONLINE 2005