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Stefan Liebich

Am Ende gibt es nur Verlierer

Artikel für die Zeitung extraDrei der Pankower Linken

Andere Zeiten: eine türkische Briefmarke mit den Porträts beider Staatspräsidenten vor knapp 80 Jahren

Seit 20 Monaten sitzt der US-Pastor Andrew Brunson, der eine evangelikale Gemeinde in Izmir leitete, in türkischer Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Verbindungen zur „Terrororganisation PKK“ sowie zu Fetullah Gülen und dessen Sekte vor. Nachdem mehrere Gerichte eine Haftbefreiung ablehnten, schlug die Empörung in den USA hohe Wellen. Ein Treffen zwischen den Außenministern Mike Pompeo und Mevlüt Çavuşoğlu brachte keinen Durchbruch. Die USA verhängten Sanktionen und Strafzölle gegen die Türkei, die Ankara erwiderte. Der Wert der türkischen Lira brach daraufhin stark ein. Der Hausarrest des US-Geistlichen offenbart eine besondere Facette von Konflikten zwischen den „NATO-Partnern“. Erdoğan nutzt den Pastor offenbar als Faustpfand für einen Austausch. Sein Erzfeind Gülen etwa, den er beschuldigt, den Putsch vor zwei Jahren organisiert zu haben, lebt seit 1999 im Exil in den USA. Der türkische Präsident ließ mit dem Verweis auf die Zugehörigkeit zu Gülens Sekte tausende Menschen in der Türkei verhaften und nicht nur in der Regierungspartei AKP glauben viele, dass die CIA am Putsch beteiligt war. Die US-Regierung steht ihrerseits unter Zugzwang, weil die mächtige evangelikale Bewegung behauptet, der Pastor sei einzig und allein inhaftiert worden, weil er Christ ist. Inzwischen hat sich der Konflikt dermaßen zugespitzt, dass es schwierig wird, eine für beide Seiten gesichtswahrende Lösung zu finden. Die Türkei will nicht bedingungslos nachgeben, die USA fordern eine bedingungslose Freilassung. Wie es weiter gehen soll, erscheint unklar. Denn selbst wenn sich für Andrew Brunson eine Lösung findet, das Verhältnis der beiden Länder ist offensichtlich zerrüttet.

Aus: "Am Ende gibt es nur Verlierer", extraDrei, 05/2018