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Bevölkerung wurde einmal ausgetauscht

Stefan Liebich erinnert sich noch genau an seine erste Wohnung in Prenzlauer Berg. Der Putz bröckelte von den Wänden, in der Ecke bollerte eine Ofenheizung. "Alles sah ganz furchtbar aus. Aber für Leute wie mich war das eine Chance."

Leute wie er, das waren junge Menschen, Studenten, Lebenskünstler mit wenig Geld. In den Neunzigerjahren besiedelten sie die verfallenen Altbauten im Berliner Zentrum, in denen sonst kaum jemand leben wollte. Die Neuen brachten Leben und Kultur in die Kieze. Dann kamen die Investoren. Heute wollen zwar viele hier leben, doch immer mehr haben Mühe, das auch zu bezahlen.

Liebich, 45, modische Brille, T-Shirt, ist Abgeordneter im Bundestag. An einem heißen Julitag sitzt er vor einem Café in Pankow. Das Lokal gibt es seit wenigen Jahren, die Holzstühle sind auf alt gemacht. Auf der Karte stehen Avocadobrötchen und Biotee. Liebich wohnt um die Ecke.

"Solche Läden gab es hier früher nicht", sagt er und wirft einen Blick die Straße hinunter. Fast alle Häuser seien saniert. "Im Grunde wurde die Bevölkerung einmal ausgetauscht."

Das heißt: Gebildete, Aufstrebende und Wohlhabende kamen für Arbeiter und Arbeitslose. Berlins angesagte, früher wilde Kieze sind auf gewisse Weise bürgerlich geworden. Vieles ist anders. Nur: Politiker wie Stefan Liebich bleiben trotzdem erfolgreich.

Und das, obwohl seine Partei eigentlich immer für andere Milieus stand.

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Bei der Abgeordnetenhauswahl vor zwei Jahren holte sie hier nur noch 23,4 Prozent. Bei der Bundestagswahl sah es ähnlich aus. Stefan Liebich konnte als Einziger der vier direkt gewählten Berlin-Linken zulegen.

Sein Wahlkreis Pankow gehört auch zum alten Ostteil der Stadt, ist aber anders als die Hochburgen in den Plattensiedlungen von Marzahn oder Lichtenberg. Er umfasst große Teile von Prenzlauer Berg, reicht weit ins gentrifizierte Herz der Hauptstadt. Liebich ist ein zugänglicher Mann, ein liberaler Realo, kein unverbesserlicher Kommunist und auch kein Linksradikaler. Das passt. Fast 30 Prozent holte er 2017.

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Die Linke gewinnt da, wo das urbane Leben blüht. Auch in Berlin. Im Westen der Stadt kam sie im Herbst auf 13,5 Prozent. Selbst im eleganten Charlottenburg war sie zuletzt zweistellig. "Wir sind hier inzwischen eine total normale Partei", sagt Liebich.

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Stefan Liebich sagt: "Wir stehen an der Seite der Benachteiligten. Aber das heißt noch lange nicht, dass der Kampf für Lesben und Schwule nicht genauso wichtig ist."

Aus: „Die Avocado-Genossen“, Spiegel-Online, 23. August 2018