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In Hoffnung vereint

"Ein Publikum, wie es sich die meisten Parteien wünschen."

Dienstagabend, im Hinterhof einer ehemaligen Brauerei stehen zu wenig Stühle für den Andrang. Gekommen sind auffallend viele junge, hippe Menschen. Es ist ein Publikum, wie es sich die meisten Parteien wünschen würden. Auf dem Podium sitzen neben der Moderatorin der Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich von der Linken, die Grünenvorsitzende Annalena Baerbock und Juso -Chef Kevin Kühnert, eingeladen hat Liebich. Ursprünglich hieß das Thema des Abends mal »R2G lebt!«. Weil in diesem Titel aber die Möglichkeit steckte, dass R2G auch tot sein könnte, war das Liebich dann doch zu pessimistisch. Jetzt lautet das Thema »Hoffnung: Mitte -Links«. Liebich ist einer von denen, die am längsten an Rot -Rot -Grün arbeiten. Zur Einleitung sagt er, man solle die Hoffnung nicht aufgeben. Auch Kühnert hätte lieber heute als morgen Rot -Rot -Grün, er sagt: Schlimmer als mit der Union könne es ja eh nicht werden. Die eigentliche Überraschung auf dem Podium ist Baerbock, die bei den Grünen zum Realo-Lager zählt und damit tendenziell unter Schwarz Grün -Verdacht steht wobei die Option angesichts des Zustands der CSU zuletzt nicht wahrscheinlicher geworden ist. Auf dem Podium hört sich Baerbock jedenfalls streckenweise ziemlich rot -rotgrün an. Gut, sie kritisiert die Kohlepolitik der SPD, und sie betont mehrfach, dass sie nichts von politischem Lagerdenken halte. Doch ansonsten geht es um Migration, um die soziale Grundausstattung des Landes, Handelspolitik, Rüstungsexporte, ohne dass es den Hauch einer Kontroverse gäbe. Man widerspricht sich nicht, man ergänzt sich. Einmal sagt Baerbock, sie sehe das »voll und ganz« wie Kühnert, ein anderes Mal sagt Kühnert, er sei da »ganz bei Annalena Baerbock«. Liebich sieht zufrieden aus. Am Ende singt eine Frau mit Gitarre »I think wanna marry you«, und plötzlich wirkt alles wieder ganz einfach.

Aus: „Projekt Sisyphos“, Der Spiegel, 28/2018