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Männer mit Vergangenheit

Seite 3 in der "Berliner Zeitung

Wolfgang Thierse, Werner Schulz und Günter Nooke waren Bürgerrechtler. Sie treten in Berlin-Pankow gegen Stefan Liebich an. Der kam 1990 zur PDS

Marin Majica

BERLIN, 1. September. Drei Männer mit Bart, einer ohne. Drei Männer sind schon älter, einer ist noch jung. Gemeinsam ist den Vieren, dass sie aus dem Osten kommen. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie am 18. September einen Wahlkreis für sich gewinnen wollen, der zu den interessantesten in Deutschland gehört: den Wahlkreis 77. Berlin-Pankow. Ein Wahlkreis, der im Osten liegt, geografisch, der aber längst nicht mehr nur Osten ist. Der sich verändert hat, so wie die vier Männer sich verändert haben. Der Grüne Werner Schulz, der Sozialdemokrat Wolfgang Thierse, der Konservative Wolfgang Nooke. Und der Sozialist Stefan Liebich, ein 32-Jähriger ohne Bart.

Betrachtet man ihre Biografien, dann könnte man annehmen, dass sich Nooke, Schulz und Thierse noch gut kennen aus DDR-Zeiten. In veröffentlichten Lebensläufen heißt es bei allen Dreien, sie hätten 1989 am Zentralen Runden Tisch der Bürgerrechtsbewegung gesessen. Das legt die These nahe: In der DDR kämpften sie Hand in Hand gegen die SED, heute gegeneinander, aber vor allem gegen Stefan Liebich und die als Linkspartei wiedererstarkte SED-Nachfolgerin PDS. Ganz falsch ist das nicht, aber auch nicht ganz richtig.

Am Runden Tisch saß Werner Schulz, der seit 1982 im Pankower Friedenskreis aktiv war. Nooke, heute 46 und damit neun Jahre jünger als Schulz, arbeitete seit 1987 in der Opposition mit, beim Runden Tisch war er eher am Rande beteiligt. Thierse, damals Kulturwissenschaftler in der Akademie der Wissenschaften, schloss sich im Oktober 1989 erst dem Neuen Forum an, dann der Ost-SPD.

"Das ist doch alles längst Vergangenheit", sagt Werner Schulz, wenn man ihn auf diese Zeiten anspricht. Schulz hat einen langen Weg hinter sich, als er an diesem Abend zum Wahlkampf auf der Kastanienallee erscheint. Der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen ist da gerade aus Karlsruhe zurückgekommen. Dort wurde seine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Neuwahlen abgewiesen. Er hat schon viele Interviews gegeben. Vielleicht fällt er deswegen schnell in diesen Tonfall, der wie das auf- und absteigende Brummen eines Didgeridoo-Horns klingt.

Die Klage ist verloren, jetzt muss sich der gelernte Lokomotivschlosser und Lebensmitteltechnologe wieder um die Wahl kümmern, die er nicht wollte. Rund um die Kastanienallee, der Szene-Straße von Ost-Berlin, holten die Grünen vor drei Jahren bis zu 50 Prozent der Stimmen. Hier leben viele junge Leute aus dem Westen. Schulz lässt sich von seinen Wahlhelfern an einen Cafétisch im Freien bugsieren, wo er gut zu sehen ist.

Schulz und seine Leute wissen, dass sie diesen Wahlkreis unbedingt gewinnen müssen, wenn er weiter im Bundestag Politik machen will. Schulz hat in seiner Rede vor dem Bundestag die Neuwahlpläne der Regierungskoalition als undemokratische Politik-Show gegeißelt. "Mir ist die Demokratie nicht geschenkt worden", hat er gesagt. Das klingt noch ein wenig nach Bürgerrechtler aus dem Osten, aber darum geht es ihm nicht. Es geht ihm ums Prinzip. Nach seiner Rede ist Schulz nicht mehr für die Landesliste seiner Partei nominiert worden.

"Warum kandidieren Sie, wenn Sie die Neuwahlen verhindern wollen?" fragt eine junge Mutter, die mit einer Freundin und vier Kindern zu Schulz an den Tisch tritt. "Ich wollte mich mit der Klage nicht aus der Politik verabschieden", sagt er ruhig, spricht über demokratische Grundsätze, dann über die Verlogenheit der Politik "Ich bin doch einer der wenigen, die noch aufmucken, der einzige, der noch Klartext redet." Die Frauen scheinen zufrieden damit, wie sich Schulz als Unangepasster, als Mahner gibt - als Nichtregierungs-Grüner sozusagen. "Aber wen wir wählen sollen, wissen wir jetzt immer noch nicht", sagt die eine dann im Gehen.

Vor drei Jahren machten die Grünen noch eine Erststimmen-Kampagne für Wolfgang Thierse. Im Sinne von Rot-Grün und gegen die PDS. Thierse eroberte den Wahlkreis damals mit 44,7 Prozent. Diesmal gibt der Grüne Schulz nichts ab. Er muss für sich selbst kämpfen. Es geht um rund 220 000 Stimmen. Der Wahlkreis reicht im Norden bis zur Plattenbausiedlung Buch und im Süden bis an die Torstraße und Mitte. Im Westen ist die S-Bahn-Linie 1 die Grenze, im Osten die Prenzlauer Allee, weil Prenzlauer Berg-Ost zu Friedrichshain gezählt wird. Dazwischen alter Osten in Weißensee, viel zugezogener Westen in Prenzlauer Berg, auch im bürgerlichen Pankow.

Ein heterogener Wahlkreis, das sieht auch Günter Nooke so: "Ein freundliches Wort für unberechenbar." Nooke sitzt für die Union im Bundestag und ist der einzige Direktkandidat der Berliner CDU aus dem Osten. Wie Schulz ist er nicht über die Landesliste abgesichert, weil ihn seine Partei durchfallen ließ.

Man könnte sich vorstellen, dass Nooke in einem Wahlkreis in Ost-Berlin seine Vergangenheit als Bürgerrechtler herausstellt, zumal er erst 1996 in die CDU eintrat. Aber auch Nooke reagiert zurückhaltend auf das Thema: "Mir ist das relativ egal mit den Bürgerrechtlern." Vergangenheit auch für ihn.

Punkten will er mit anderen Themen. Zum Beispiel mit der Forderung nach wirtschaftsfreundlichen Rahmenbedingungen, die die SPD nicht geschaffen habe: "Es ist falsch regiert worden." Er sagt das, als würde er gleich sein Sakko ausziehen, die Ärmel hochkrempeln und einen Rohrbruch reparieren wollen.

Sein Trumpf in der Debatte soll das Nein zum Beitritt der Türkei in die Europäische Union sein. "Das ist ein emotionales Thema", sagt Nooke und wiederholt deswegen bei jeder Gelegenheit: "Die Türkei gehört nicht in die EU." Eine beliebte These auch der Bundes-CDU. Eine These aber, die in Pankow nicht so recht verfangen will. Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums gehen darauf mit keinem Wort ein, als Günter Nooke die Sache mit der Türkei bei einer Diskussion erwähnt. Und bei einem von Nooke organisierten Türkei-Abend fragt ein älterer Herr: "Würde die Türkei in 15 Jahren als prosperierendes Land das arme Europa denn überhaupt nehmen?" Gelächter im Saal.

Günter Nooke merkt wohl, dass das Thema ein wenig weit weg ist. Und so kommt er am Ende doch nicht ohne ein paar Worte zum Osten aus. An das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen will er appellieren, was noch ein wenig diffus ist, aber für ihn vor allem heißt: Die Leute sollen nicht PDS wählen. Dafür will er kämpfen, aber das kann man eigentlich von jedem CDU-Kandidaten erwarten, dafür muss man kein Bürgerrechtler gewesen sein.

Nooke bekam bei der letzten Bundestagswahl in Pankow 16,8 Prozent der Erststimmen und wurde Vierter. Da fällt es schwer, ein typisches CDU-Viertel im Bezirk auszumachen. Der Kandidat tritt also mit dem Slogan an: "Ganz Berlin für Günter Nooke".

Wolfgang Thierse, der Titelverteidiger, ist präziser, was seine politische Heimat betrifft. Er erzählt oft, dass er seit 33 Jahren zu Hause ist in der Gegend um den Kollwitzplatz. Die ist mittlerweile schick saniert und recht teuer. Und Wolfgang Thierse ist Bundestagspräsident. Wenn er Wahlkampf macht, unterhält er sich etwa im Palais der Kulturbrauerei vor jungen Zuhörern mit Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina und SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten im Jahr 2004. An anderen Abenden trifft Thierse Hertha-Trainer Falko Götz, SPD-Veteran Egon Bahr oder den Schriftsteller Günter Grass. Ein Wichtiger bekommt Wichtige für seine Kampagne.

Die Arbeit am Bürger verrichtet Thierse in seinem Büro am Wasserturm. "Ich habe eine Menge in diesem Wahlkreis und für diesen Wahlkreis getan", sagt der 61-Jährige. Und er sagt auch einen interessant selbstbewussten Satz über sich und den Osten: "Anders als Frau Merkel habe ich noch einen Ostbonus." Wie auch immer, ausspielen muss er ihn nicht. Als Spitzenkandidat der Landesliste zieht er ohnehin wieder in den Bundestag. Deshalb kann er auch sagen, dass er einen ostdeutschen Wahlkampf nicht nötig habe. Er erklärt, er wisse nicht, wie hoch der Anteil zugezogener Westdeutscher in seinem Kiez heute sei. "Das ist auch gut so."

Thierse würde sich wohl einfach gerne weiter um die Gegend kümmern. Als gewählter Kandidat. 1994 besiegte Stefan Heym ihn im Wahlbezirk, der damals noch Mitte-Prenzlauer Berg hieß, 1998 verlor er gegen Petra Pau. Nachdem Thierse vor drei Jahren Pankow gewann, könnte Werner Schulz ihn dieses Mal Stimmen kosten. Und zwar so viele, dass Stefan Liebich, der junge Sozialist, davon profitiert. "40 Jahre lang hat die SED mein Leben bestimmt, und 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist sie immer noch mein Kontrahent", sagt Thierse.

Vor vierzig Jahren war Stefan Liebich noch nicht geboren, vor 15 Jahren wohnte er noch bei seinen Eltern. Doch dass er Thierses hartnäckigster Konkurrent ist, kann man nicht bestreiten. Als Liebich in diesen Tagen auf eine PDS-Bühne am U-Bahnhof Pankow steigt, ist Thierse mal wieder sein Hauptangriffsziel. Er habe zwar keine 33 Jahre Erfahrung mit dem Bezirk, er sei schließlich erst 32, erzählt der Diplom-Betriebswirt Liebich, der in Wismar geboren wurde und in Berlin-Marzahn aufwuchs. Aber es werde ja auch nicht "der Bürgermeister vom Kollwitzplatz" gewählt, sagt Liebich. Die vorwiegend älteren Menschen auf den Bierbänken vor der Bühne schmunzeln.

Vor drei Jahren wurde die PDS im Wahlkreis 77 mit 26,1 Prozent Zweite. Doch diesmal ist Liebich zuversichtlich, vom bundesweiten Trend der Linkspartei zu profitieren. Dass er die Partner von der Wahlalternative eine Gurkentruppe nannte, nun aber gemeinsam mit ihnen Wahlkampf macht, erklärt Liebich mit später Einsicht: "Das habe ich zuerst falsch eingeschätzt." Weil Liebich recht bereitwillig seinen Landeslisten-Platz abgegeben hat, gibt es Gerüchte, der Chef der Linkspartei-Fraktion im rot-rot regierten Abgeordnetenhaus sei am Sieg in Pankow und einem Platz im Bundestag nicht wirklich interessiert. Liebich dementiert: "Ich kämpfe mit der ernsthaften Absicht, gewinnen zu wollen." Warum er dabei lächelt, bleibt sein Geheimnis.

Eines der Lieblingsargumente von Stefan Liebich, der ein wenig wie ein zu alt gewordener Schulsprecher wirkt, ist das in Ost und West unterschiedlich hohe Arbeitslosengeld II, das nun angeglichen werden soll. "Als es damals darum ging, dass Ostdeutsche 14 Euro weniger wert sind als Westdeutsche, da hat Wolfgang Thierse geschwiegen." Das zieht bei seiner Klientel, weiß Liebich, der an seinem 18. Geburtstag, dem 30. Dezember 1990, in die PDS eingetreten ist. "Es sieht ziemlich gut aus für uns, wo mehrstöckige Plattenbauten stehen", sagt er. Und meint: Dort, wo der Osten noch Osten ist.

(c) Berliner Zeitung