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Gabi Kuttner

Der Mut der Wenigen

Anekdoten kennen sie viele bei der Robert-Havemann-Gesellschaft in Prenzlauer Berg. Und sie erzählen sie dort durchaus gern. Ein Beispiel: Die größte Herausforderung des Zeitungmachens bestand für die DDR-Bürgerrechtsbewegung bei der Herausgabe ihrer Wochenzeitung „die andere“ nicht so sehr im Schreiben gut recherchierter Artikel oder in der Bereitstellung aussagekräftiger Fotos sondern in der Beschaffung des notwendigen Papiers. Hieß es etwa gerüchteweise, „in Fürstenwalde gibt’s Papier“, wurde sofort ein Trabi organisiert und ab ging es. Diese Art der Materialakquise sei zu Wendezeiten allemal leichter und erfolgreicher als den Besitzer eines Telefonanaschlusses ausfindig zu machen und mit dessen Hilfe einen Auftrag auszulösen.

Es blieb natürlich nicht beim Anekdotenerzählen, als Stefan am Montag der Gesellschaft in ihren Räumen in der Schliemannstraße 23 unweit des Helmholtzplatzes einen Besuch abstattete. Unsere Gastgeber waren der Geschäftsführer Dr. Olaf Weissbach, die Leiterin des Archivs Tina Krone sowie die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter Frank Ebert und Tom Sello. Sehr gut vorbereitet, auch weil ihnen ihre Arbeit einfach im Blut steckt, schlug Olaf Weissbach vor, gleich „in medias res“ zu gehen. Und schon hagelte es Informationen.

Gegründet wurde die Robert-Havemann-Gesellschaft im November 1990 von der Bürgerbewegung Neues Forum als politischer Bildungsverein. Sie dokumentiert und vermittelt die Geschichte und Erfahrungen von Opposition und Widerstand in der DDR. Mit dem Erhalt und der Aufarbeitung der durch die Familie Robert Havemanns bereitgestellten Unterlagen begann 1992 die Archivarbeit. Im Jahr 2003 übernahm die Robert-Havemann-Gesellschaft das Archiv GrauZone mit seinen Beständen zur ostdeutschen Frauenbewegung. Die Unterlagen des Unabhängigen Frauenverbandes vervollständigten die bereits vorhandenen Bestände.

Inzwischen füllen ca. 700 qm Schriftgut und 140.000 Fotos die Räume, alles Originale. Tina Krone und Olaf Weissbach zeigen uns gerne einige ihrer Unikate. In den fast deckenhohen Regalen stehen hunderte Kisten. Wir lesen die Namen von Bärbel Bohley, Wolfgang Ullmann und Matthias Domaschk. Als wir auf den Namen Bernd Holtfreter stießen wurde Stefan besonders nachdenklich. Er kannte Bernd gut, denn er war von 1995 bis zu seinem Tod 2003 auf der Liste der PDS Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Er war besonders in Prenzlauer Berg als Mietrechtsaktivist bekannt und Mitbegründer der Initiative „Wir bleiben alle“, kurz WBA.
Das Archiv ist eine einzigartige Dokumentation des Mutes der Wenigen.