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Bundestagsrede: Ungenügend kritischer Blick auf die Geschichte

Rede in der Debatte zum TOP Deutschland und Polen am 10.6.2011

Stefan Liebich, MdB DIE LINKE: Ungenügend kritischer Blick auf die Geschichte

Der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit ist seit 20 Jahren Grundlage für die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen. Ja, die Unterzeichnung ist ein Ereignis von historischer Bedeutung. Aber da die Linksfraktion den Antrag aufgrund der parlamentarischen Albernheiten von CDU/CSU nicht verbessern durfte, was gerade beim ungenügenden Blick auf die Geschichte im Antrag notwendig gewesen wäre, müssen wir ihn ablehnen. Die gute polnisch-deutsche Nachbarschaft existiert zum Glück dennoch. Auch ohne diesen Antrag, den kein Mensch braucht.

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!

Der Grenzvertrag, der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit, ist seit 20 Jahren Grundlage für die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen. Ja, die Unterzeichnung ist ein Ereignis von historischer Bedeutung.

Ich finde es richtig, dies durch die Debatte hier zu unterstreichen. Allerdings wäre es sicherlich auch möglich gewesen – das kann ich Ihnen nicht ersparen –, gemeinsame Positionen zu formulieren. Auf unseren Beitrag haben Sie wegen der Albernheiten der CDU/CSU wieder verzichtet.

Wie üblich haben sich SPD und Bündnis 90/Die Grünen darauf eingelassen. Dabei hätten wir durchaus einiges einzubringen gehabt. Das werde ich jetzt natürlich mündlich nachholen.

Ich denke zum Beispiel an das Thema Oder-Partnerschaft. Seit 2006 arbeiten die Länder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen mit den
westpolnischen Woiwodschaften Großpolen, Westpommern, Niederschlesien und Lubuskie unter dem Motto „Grenzen trennen – Die Oder verbindet“ zusammen. Das
Ziel ist der Aufbau eines leistungsfähigen Regionalverbundes diesseits und jenseits der Oder für infrastrukturelle und politische Vernetzung, für einen kooperierenden dynamischen Wirtschaftsraum. Der Wirtschaftssenator Harald Wolf aus Berlin und der Wirtschaftsminister Ralf Christoffers aus Brandenburg – Sie ahnen es, beide Mitglieder unserer Partei Die Linke – sind hierbei aktive Motoren. Das ist zukunftsorientierte deutsch-polnische Zusammenarbeit.

(Beifall bei der LINKEN)

Sie haben uns durch Ihre Ausgrenzung natürlich auch zur Kritik eingeladen. Dem komme ich gern nach. Ich möchte hier auf Herrn Wellmann Bezug nehmen.

(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das hätte in die gemeinsame Resolution gepasst!)

Herr Wellmann, Sie haben mich ja wegen Erich Honecker und der SED angesprochen. Ich war tatsächlich nicht in der SED, und das hat – das gebe ich zu – nur
Altersgründe.

(Gunther Krichbaum [CDU/CSU]: „Nur Altersgründe“! Das ist nur peinlich!)

Aber Sie haben natürlich in der Sache völlig recht. Natürlich war es falsch und unrecht, dass der Warschauer Vertrag die Solidarnosc-Bewegung bedroht hat, und es ist völlig richtig, das hier zu erwähnen.

(Gunther Krichbaum [CDU/CSU]: Sie haben damals die Grenze zu Polen zugemacht wegen Solidarnosc!)

– Wenn Sie nicht so schreien würden, würden Sie meine inhaltlichen Positionen dazu auch verstehen.

(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der
CDU/CSU: Von wegen „nur Altersgründe“! Was hat die SED gemacht? – Gegenruf der Abg. Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Hören Sie mal zu!)

Zum Zweiten. Der Kollege Nietan hat auf die Ambivalenzen der Geschichte hingewiesen. Da kann ich es Ihnen von der CDU/CSU natürlich nicht ersparen, auf die eigenen Ambivalenzen in der deutsch-polnischen Geschichte zu schauen. Sie haben versäumt, in Ihrem Antrag zu erwähnen, dass es die DDR war, die im Görlitzer Vertrag von 1950 ihre Staatsgrenze zu Polen anerkannt hat und dass das damals im Deutschen Bundestag von allen Parteien, außer der KPD, heftig kritisiert wurde.

(Patrick Kurth [Kyffhäuser] [FDP]: Ausdrücklich zur Volksrepublik Polen!)

Sie haben ignoriert, dass die Regierung Adenauer die Rechtmäßigkeit des Vertrags stets in Abrede gestellt hat. Ich darf zitieren: Wir können uns daher unter keinen Umständen mit einer von Sowjetrußland und Polen später einseitig vorgenommenen Abtrennung dieser Gebiete abfinden… Wir werden nicht aufhören, in einem geordneten Rechtsgang unsere Ansprüche auf diese Gebiete weiterzuverfolgen.

CDU und CSU sind sogar noch dabei geblieben, als die Regierung Brandt/Scheel 1970 im Warschauer Vertrag den Status quo und damit die Oder-Neiße-Grenze faktisch anerkannt hat. Ich halte dies – das will ich der SPD auch sagen – für die größte außenpolitische Leistung der SPD im 20. Jahrhundert. Aber wir müssen gar nicht so weit zurückschauen. Es geht ja heute um den 20. Jahrestag. Schauen wir 20 Jahre zurück, Herr Wellmann. Der polnische Ministerpräsident Mazowiecki hat in einem Schreiben vom 31. Januar 1990 von Kanzler Kohl eine Grenzgarantie verlangt. Er hat sie nicht bekommen. Helmut Kohl lag Europa sehr am Herzen, aber er hatte große Schwierigkeiten in Ihrer Fraktion, in Ihrer Partei. 23 Abgeordnete Ihrer Partei, darunter Erika Steinbach und der heutige Bundesverkehrsminister, haben dem Vertrag damals nicht zugestimmt, weil sie die "berechtigten Anliegen der deutschen Heimatvertriebenen" nicht geregelt sahen, weil sie die "ökonomische Regelung von offen gebliebenen Eigentums- und Vermögensfragen"* vermisst haben. Damals, in der sensiblen Phase der deutschen Vereinigung, Rechnungen zu schreiben, statt an Versöhnung und gute Nachbarschaft zu denken, darauf musste man erst einmal kommen. Unsere Partei, die PDS, hat ihm damals aus tiefer innerer Überzeugung geschlossen zugestimmt.

Deshalb, finde ich, ist heute auch ein guter Anlass, an diesen Vertrag zu erinnern. Aber Sie dürfen dabei Ihre eigene Geschichte nicht ausblenden.

(Beifall bei der LINKEN)

Ich denke, dass wir auch noch einiges zu tun haben, was die Zukunft betrifft. Es gibt nach wie vor Entschädigungsforderungen von Polinnen und Polen, ehemaligen Opfern deutscher Besatzung. Hier können wir etwas machen. Mich stört schon etwas, dass Sie mit diesem gemeinsamen Antrag von Rot-Grün und Schwarz-Gelb beschließen lassen wollen:
Heimatvertriebene haben sich bei der Pflege des gemeinsamen kulturellen Erbes engagiert und Kontakte nach Polen geknüpft.

(Karl-Georg Wellmann [CDU/CSU]: Das stimmt doch!)

Zweifellos haben sie das, natürlich, aber nicht nur das.

(Karl-Georg Wellmann [CDU/CSU]: Also!)

Da müssen wir auch nicht so weit zurückschauen. Es war Anfang dieser Legislaturperiode. Schwarz-Gelb hatte kaum die Rolle der Vertriebenen im Stiftungsrat „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ aufgewertet, um die Mitgliedschaft von Frau Steinbach zu verhindern, da bedankte sie sich mit einer Beleidigung des polnischen Regierungsberaters Bartoszewski und sinnierte über die Mobilmachung der Polen 1939 vor dem deutschen Überfall.

Ich glaube auch, das sind Punkte, die nach wie vor das Misstrauen vieler Polinnen und Polen begründen. Hier liegt eine Ursache dafür, dass die Polen die Garanten für ihre Sicherheit eher in den Vereinigten Staaten als in Europa sehen. Ich sehe das durchaus kritisch: Stichwort „altes Europa“, eine Diskussion, die wir alle vor ein paar Jahren zur Kenntnis nehmen mussten.

Ich möchte nach vorn schauen.

Vizepräsidentin Petra Pau: Kollege Liebich, achten Sie bitte auf das Signal.

Stefan Liebich (DIE LINKE): Ich komme zum Schluss. – Frau Staatsministerin Pieper hat es ja gesagt: Die gute Nachbarschaft existiert bereits neben den Tischreden, neben den Verträgen. Es gibt polnische Diskotheken im Ruhrgebiet, es gibt Kunst und Kultur aus Polen hier in Berlin, Touristen besuchen einander. Darauf können wir aufbauen. Die polnische Minderheit in Deutschland, die deutsche Minderheit in Polen können dafür Brücke sein. Das funktioniert. Ihren Antrag braucht dafür allerdings kein Mensch. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN – Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Er sollte in den Text schauen!)


*Persönliche Erklärung von 23 MdB der CDU/CSU