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Stefan Liebich - Der Polit-Popstar?

"Gysis rote Wundertüte" - Ein Dossier über die PDS in der "Zeit" 1999

Wie die PDS neben den Verlierern der Wende jetzt auch die Gewinner anzieht

Mario Kaiser; Roland Kirbach

Im 19. Stock des Axel-Springer-Verlagshauses, wo die DDR ein Staat in Anführungszeichen war, betritt Gregor Gysi unter Applaus das Podium und überlegt, warum die Leute FDP wählen sollten. Ja richtig, FDP. Der PDS-Fraktionsvorsitzende Gysi diskutiert an diesem Abend mit FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle die Frage "Sind wir noch ein Volk?", und der Moderator hatte sich einen Spaß daraus gemacht, die beiden zu einer Wahlkampfrede für die jeweils andere Partei aufzufordern.

Gysi, der große Kommunikator, lächelt amüsiert, rekelt sich und feixt: "Ich hab ja ein Herz für Schwache." Westerwelle seufzt und sagt: "Ich krieg gleich Pickel."
Willkommen in der schönen neuen Welt der PDS. Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer, als der Sozialismus niedriger im Kurs stand als die Ost-Mark, wenden sich die Wähler im Osten der Nachfolgepartei der SED zu - und laufen der SPD davon. Bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen vor wenigen Wochen verbesserte die PDS sich nicht nur prozentual, sie legte auch deutlich an absoluten Stimmen zu. Bei den Berliner Abgeordnetenhauswahlen am kommenden Sonntag sehen Umfragen die PDS bei fast 17 Prozent, die SPD nur knapp darüber. Im Osten der Stadt dürfte sie mit einem Ergebnis um 35 Prozent stärkste Partei werden.

Die Prognosen spiegeln den bundesweiten Trend: Wären am Sonntag Bundestagswahlen, würden laut einer Infratest/Dimap-Umfrage 7 Prozent der PDS ihre Stimme geben und sie damit zur drittstärksten politischen Kraft in Deutschland machen. Im Osten liegt ihr Potenzial bei 28 Prozent.

Wo die Partei nicht an Regierungen beteiligt ist, diktiert sie die Themen. Wenn von sozialer Gerechtigkeit die Rede ist, die PDS ist schon da. Die PDS kümmert sich um den Osten. Um die Verlierer, aber genauso um die Gewinner der Wende. Die Hochburgen der PDS könnten unterschiedlicher kaum sein: Im sächsischen Hoyerswerda leben die Enttäuschten, in den Ostberliner Stadtteilen Hellersdorf und Marzahn die Hoffnungsvollen. Wer diese Orte besucht, kann studieren, woher die PDS in ganz verschiedenen Milieus ihre politische Kraft schöpft.

An einem Sonntagmorgen in einem kleinen Gotteshaus am Rand von Berlin-Hellersdorf steht Bürgermeister Uwe Klett vor einem Gemälde von Jesus Christus, der vor den Augen seiner Jünger in den Himmel fährt. Er finde es nicht überraschend, zu den Gläubigen zu sprechen, sagt der PDS-Mann am Altar, der hier eine interkulturelle Woche eröffnet. Das Motto - "Verschiedene Menschen, gleiche Würde" - fordert ihn heraus, nicht nur über den Umgang mit Ausländern zu sprechen, sondern auch über jene, die sich fremd und vernachlässigt im eigenen Land fühlen. "Wir betreiben gerade in Berlin eine unverantwortliche Politik, Menschen an den Rand zu drängen, indem man ihnen ihre Lebensgrundlage entzieht", sagt Klett. Er sagt wir, doch seine Zuhörer wissen natürlich, dass er die meint - die aus Westseilschaften geflochtene Regierung Diepgen. Da muss er keinen PDS-Anstecker am Revers tragen, um zu zeigen, für welche Partei er hier spricht. Erst 40 ist er, in Glasgow hat er studiert, über die "Transformation osteuropäischer Wirtschaftssysteme" promoviert. Und er steht Ludwig Erhard vermutlich näher als Walter Ulbricht.

Klett vollbringt das Kunststück, als Bürgermeister vor der Gemeinde zu stehen und wie ein Oppositionsführer zu ihr zu sprechen. Er dankt dem Pastor, dass er den "Fingerzeig an die Verantwortlichen, die Gesetze machen", nicht scheue. Dann setzt sich Klett wieder auf seine Bank in der fünften Reihe, inmitten seiner Zuhörer, und singt mit ihnen Lied 432 aus dem Gesangbuch: "Gott gab uns Ohren, damit wir hören. Er gab uns Worte, dass wir verstehn."

Hellersdorf im Nordosten Berlins ist der jüngste Bezirk der Stadt. Gegründet wurde er 1986, und er blieb, wie so vieles in den letzten Jahren der DDR, unvollendet. Als die Mauer aufging, ließen die aus allen Teilen der DDR herangezogenen Bauarbeiter die Kellen fallen. Die Plattenbauten standen wie dahingewürfelt da, Straßen und Abwasserleitungen fehlten.
Wenn es Nacht wird in Hellersdorf, saugen die Plattenbauten die Menschen von den Straßen, und die Häuser sehen dann aus wie die an einer Modelleisenbahn, in denen Licht brennt, aber kein Leben flackert. Es sei denn, es ist Erntefest, wenn sich am Alice-Salomon-Platz das Riesenrad dreht und ein rundlicher Mann auf den Tisch steigt und zu Night Fever die Unterhose mit Eingriff bis zu den Knöcheln rutschen lässt. Bei den letzten Bezirkswahlen gaben hier 40,9 Prozent der PDS ihre Stimme.

Bis hierhin stimmt das Klischee. Doch hinter der Hellersdorfer Wohnblocktristesse verbirgt sich ein Bezirk, der alles andere ist als eine Sammlung frustrierter Wendeverlierer. Zu DDR-Zeiten war eine Wohnung in Hellersdorf Belohnung für junge, gut ausgebildete Leistungsträger aus der ganzen Republik. Hellersdorf ist ein junger Bezirk geblieben, das Durchschnittsalter der 129 000 Einwohner liegt bei 33 Jahren. Das Haushaltseinkommen beträgt 3400 Mark, netto. Nur die Zehlendorfer im Westen der Stadt haben mehr Geld in der Tasche. 12,8 Prozent Arbeitslosenquote sind - für Ostverhältnisse - ein Traumwert. Den Hellersdorfern geht es gut - und trotzdem wählen sie PDS.

Den Leuten in Hoyerswerda geht es schlecht. Genau darum wählen sie PDS. Kaum eine Stadt ist nach der Wende so abgestürzt wie Hoyerswerda in der sächsischen Lausitz. Zu DDR-Zeiten zahlte die Energiewirtschaft gute Löhne, die Stadt lockte mit neuen, komfortablen Wohnungen. Hoyerswerda war ein Ort der Verheißung. Es kamen Arbeitssuchende und Abenteurer aus allen Teilen der DDR. Doch seit zehn Jahren entvölkert sich die Stadt genauso schnell, wie sie einst gewachsen war. 53 000 Menschen leben hier heute, 20 000 weniger als 1989. 3500 Wohnungen stehen leer. Gestiegen ist nur die Arbeitslosenquote, auf 26 Prozent.

Die PDS macht hier Politik für die Verlierer der Wende. Seit Jahren fährt die Partei in Hoyerswerda Spitzenergebnisse ein. Bei der sächsischen Landtagswahl vor drei Wochen erzielte sie mit 34,1 Prozent der Stimmen das landesweit beste Ergebnis - exakt das gleiche Resultat wie drei Monate zuvor bei der Kommunalwahl. 15 Sitze hat die PDS im Stadtrat, genauso viele wie die CDU und 5 mehr als die SPD, die drittstärkste, oder besser: die schwächste Kraft im Rat. Schon seit 1994 regiert ein PDS-Oberbürgermeister die Stadt.

Wenn man erfahren will, warum die Menschen von Hoyerswerda der PDS vertrauen, muss man sich Heinz Auerswald ansehen und anhören. 61 Jahre ist er alt, war von 1975 bis zur Wende erster Mann im Rat des Kreises, saß bis vorigen Juni für die PDS im Stadtrat und hat jetzt für die Landtagswahl kandidiert. Asketisch sieht er aus, diszipliniert. Er verabschiedet sich nach jedem Gespräch mit der alten DDR-Grußformel "Geht sein' Gang". Besonders gerne erinnert er sich an die Jahre, da Hoyerswerda noch Zukunft bedeutete. Als es die DDR noch gab, war die Stadt ein Magnet für junge Arbeiter, "und die Leute konnten sehen: Auch unter sozialistischen Bedingungen sind wir was geworden." Sagt Auerswald. Die jungen Leute von damals sind inzwischen alt geworden, aber Auerswald ist noch immer da, für sie da. Auerswald beispielsweise habe die Geschicke des Kreises und der Stadt stets "wie ein Vater" gelenkt, sei kein Scharfmacher gewesen - sagt der einzige Grüne im Stadtrat, sagt der SPD-Chef, sagen viele, die mit der PDS ansonsten nichts im Sinn haben. In Hoyerswerda fühlt man sich gut aufgehoben bei einer Partei, die Auerswalds Partei ist. Sein Erststimmenanteil von 38,2 Prozent lag deutlich über dem Zweitstimmenergebnis der PDS und nur wenige Punkte unter dem Resultat seines Kontrahenten von der CDU. Wolfgang Schmitz holte mit 42,9 Prozent das Direktmandat.

Der 62-jährige Schmitz führt das mäßige Abschneiden seiner Partei darauf zurück, dass "vor allem die Aktiven weggezogen sind, unser Wählerpotenzial." Geblieben sind die Rentner und "das Mittelalter, die 40- bis 60-Jährigen", wie Auerswald sagt. "Die Betrogenen." Weil es viele gibt, die sich dazu zählen, muss sich die PDS kommunalpolitisch gar nicht profilieren. Sie muss nur da sein, um zu gewinnen.

So sind die vorzeigbaren Erfolge der PDS in Hoyerswerda an einer Hand abzuzählen. Auf ihre Initiative hin wurde ein örtliches Bündnis für Arbeit geschaffen, das nicht mehr tut, als zusätzliche ABM-Gelder einzufordern. Die PDS unterstützte eine Bürgerinitiative im erfolgreichen Bemühen, die Trink- und Abwassersatzung wegen hoher Kanalanschlussgebühren zu kippen. Und die PDS sorgte dafür, dass die Mieten in modernisierten Häusern nicht übermäßig angehoben wurden.

Die PDS wehrt sich. Sie handelt im Namen von Benachteiligten, die in Hoyerswerda in der Überzahl sind. Die PDS ist Anwalt all jener, die vom neuen System nicht überzeugt sind, eher davon, dass es keinen Deut besser ist als das alte.

Weil in Hoyerswerda sogar Selbstständige dieser Meinung sind, ist die PDS dort der einzig plausible Unternehmerverband. Der Staat müsse den "gnadenlosen Verdrängungswettbewerb", der im Bau und im Handwerk herrsche, durch feste Preise eindämmen, meint etwa Joachim Pohl, der für die PDS im technischen Ausschuss des Rates sitzt. Bauunternehmer Michael Wienold sagt, er leide unter den sozialen Folgen des brutalen Wettbewerbs. Zu DDR-Zeiten leitete er den VEB Kreisbau, nach der Wende kaufte er der Treuhand den herausgelösten Firmenbereich Tiefbau ab. Heute kann er seinen Leuten nicht einmal Tariflohn zahlen. Schuld daran seien vor allem Firmen aus dem Westen, die ihm Rechnungen von zwei Millionen Mark noch immer nicht beglichen hätten. Der Staat müsse bei solchen Ausfällen einspringen, verlangt deshalb der Unternehmer Wienold. Seine Forderung nach einem Gesetz, das "schlechte Zahlungsmoral bestraft", wurde aufgenommen in ein 10-Punkte-Programm. Geschrieben hat es der PDS-Landtagskandidat Heinz Auerswald. Auf den ist Verlass in Hoyerswerda.

Im Keller einer ehemaligen Funktionärsvilla in Berlin-Marzahn sitzt Herr S. am Konferenztisch und erinnert sich an sein pre-opening als Immobilienmakler und Projektentwickler. Man muss dazu wissen, dass Herr S. bis zur Wende stellvertretender Abteilungsleiter beim FDJ-Zentralrat war. In den folgenden fünf Jahren verwandelte er im Auftrag der Treuhand die Parteihochschule der SED in ein Kongresszentrum - bis ein Investor auszusteigen drohte, "solange die rote Socke S. Geschäftsführer ist".
Statt "von einem ABM-Projekt zum nächsten zu treiben", nutzte Herr S. die Zeit der Arbeitslosigkeit, um den Schritt in die Selbstständigkeit vorzubereiten. Sein pre-opening, wie er das nennt. Heute ist Herr S. von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und wirbelt mit Begriffen wie business angels,venture capital und Deutschland AG, als hätten sie schon im Fünfjahrplan der SED gestanden. Herr S. ist Mitglied der PDS, einer Partei, die Immobilienmakler nicht gerade anlockt. Darum darf das natürlich auch niemand wissen. Schon einmal hat er wegen seiner Parteizugehörigkeit einen wichtigen Auftrag verloren. "Da habe ich mich entschlossen, meine politische Meinungsfreiheit nicht mehr in Anspruch zu nehmen."

Einmal wollte Herr S. es bei der SPD versuchen, nachsehen, wie ernst die es mit ihrem Begriff vom "aktivierenden Sozialstaat" und der Förderung der Selbstständigen meinte. Im November 1998 schrieb er an den damaligen Kanzleramtsminister Bodo Hombach und schilderte seine Probleme als Kleinunternehmer. Er würde ja gerne expandieren und vier zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, schrieb Herr S., doch seine Hausbank blockiere. Er regte eine "Bereitstellung öffentlichen und privaten Risikokapitals" an, das sich "an der Glaubwürdigkeit des Unternehmers orientiert und nicht an dessen Banksicherheiten". Vier Wochen später bekam er Antwort aus dem Wirtschaftsministerium: "Das Hausbankprinzip hat sich insgesamt gesehen seit Jahren bewährt." - "Debatte unnötig", schrieb Herr S. an den Rand und legte Korrespondenz und SPD zu den Akten.

Die PDS hört ihm immerhin zu, lädt ihn regelmäßig zum "Unternehmerfrühstück mit Gregor Gysi" ein. Es behaupte in der PDS niemand mehr ernsthaft, dass eine Enteignung der Banken die Lösung aller Probleme sei, sagt Herr S. Aber die Diskussion darüber, was passiert, wenn es nur nationale und kommunale Banken gäbe, wenn Grund und Boden der Bevölkerung gehörten, die findet er "spannend". In der PDS könne man über so etwas nachdenken. Herr S., sind Sie Kapitalist? Er lächelt und sagt: "Ich beute außer mir keine Arbeitskraft aus."

Er hat sich ganz gut eingerichtet in der Marktwirtschaft. Auch wenn er manchmal klagt, über Urlaub etwa, "den ich mir nicht leisten kann". Seinen größten Auftrag hat Herr S. ausgerechnet einem Konzern zu verdanken, dem er vorwirft, "die Gewinne auf den Cayman Islands zu versteuern und die Verluste in Deutschland abzuschreiben": DaimlerChrysler. Für die Verkaufsräume des Smart hat er in Berlin und Brandenburg die Standorte gefunden und die Baubetreuung übernommen. "Zwei Jahre habe ich davon gelebt", sagt er. Dann meldeten die Unternehmer Konkurs an. Jetzt schlendert Herr S. über den Parkplatz der Smart-Niederlassung an der Daimlerstraße. "Vorübergehend leider geschlossen" steht im Fenster des Verkaufsraums. Der Glasturm, in dem sich die Kleinwagen noch vor wenigen Monaten stapelten, ist nicht mal mehr beleuchtet. Herr S. sieht hinauf und sagt: "Ist ja auch ein Symbol."

Zum Abschied erzählt Herr S. dann noch eine kleine Geschichte von "meiner Hausbank, der Deutschen Bank". Von der wollte er damals einen Kredit über 30 000 Mark für die Einrichtung seines neuen Büros.

"Welche Branche?", fragte der Berater.

"Immobilien", sagte Herr S.

"Also wissen Sie", antwortete der Banker, "Immobilien, das ist so eine unsichere Branche."

Da lacht Herr S. "Ausgerechnet die Deutsche Bank", sagt er. "Ich hatte mir den Klassenfeind irgendwie intelligenter vorgestellt."

Buden. Das Wort hätte er besser für sich behalten. Warum muss er es auch herausposaunen in die Anwohnerversammlung, zu der die PDS in Hoyerswerda geladen hat? Warum kann der Bau-Bürgermeister von Hoyerswerda mit seinem unüberhörbar rheinischen Dialekt sich nicht zurückhalten, als er nach den Räumungen der entleerten Plattenbauten gelöchert wird? Stattdessen poltert der Wessi-Bürgermeister gereizt, die Mieter würden schon noch erfahren, wann sie ihre "Buden" verlassen müssten.

Da ist es raus, das eklige Wort, und die Bewohner sind außer sich. "Wo wohnen Sie denn?", ruft eine ältere Frau. - "Der wohnt im Westen", giftet einer, "der fährt doch mit dem Autokennzeichen EU herum." EU, Euskirchen bei Köln. Westen. "Da hat der zwei Häuser", glaubt jemand zu wissen. So sind sie eben, die Wessis! Ein Anwohner fühlt sich erinnert an den ersten Nachwende-Bürgermeister in Hoyerswerda, einen CDU-Mann aus Bad Münstereifel. Der habe sich gerühmt, den Bediensteten in der Verwaltung als Erster das Lochen, Knicken und Abheften beigebracht zu haben.

Buden. Da kann auch die PDS-Stadträtin Petra Heine sich nicht mehr zurückhalten. "Wir sind keine Gegner der Platte. Die ,Buden' sind unsere Heimat." Gemeinschaftsgeist habe es da gegeben. Das weiß sie deshalb so gut, weil sie 35 Jahre in der Platte wohnte. Inzwischen ist sie aufs Dorf gezogen, aber das ist in diesem Augeblick nicht so wichtig. Wichtig ist ihr, was im Bewusstsein der Hoyerswerdaer hängen bleibt: Die PDS vertritt nicht nur Interessen, sie saugt Befindlichkeiten auf.

Das glaubt auch der örtliche SPD-Chef Thomas Delling. Die PDS, sagt er, profitiere von kollektiven Gefühlen. PDS wählten jene, "die sich gegenüber Westlern zurückgesetzt fühlen". Die Partei der Sozialisten breitet ein Wir-Gefühl über Hoyerswerda aus, das den Verunsicherten einen Rest von Sicherheit vermittelt. In seiner Wahlkampfbroschüre erinnert Heinz Auerswald seine Mitbürger "an ein Leben, in dem ein sicherer Arbeitsplatz und kostenlose medizinische Versorgung selbstverständlich waren, wo die Mieten stabil gehalten wurden und es wenig Kriminalität gab".

Der wirtschaftliche Absturz der Stadt und die Überalterung der Bevölkerung seien der Nährboden für die Verklärung der DDR - so sieht es Grünen-Stadtrat Roland Gotscha. "Die alten Leute sind auf eine feste Ordnung bedacht", sagt er. Nicht unbedingt auf die alte Ordnung, "aber Ordnung an sich". Die PDS zwingt das zu einem politischen Spagat. Mit ihren Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit vertritt sie traditionelle linke Positionen, in Sachen öffentliche Sicherheit und Sauberkeit dagegen ist sie auf rechtem Kurs. In Honeckers DDR passte das schließlich auch prima zusammen.

Über 400 Mitglieder hat die PDS in Hoyerswerda, doppelt so viel wie CDU und SPD zusammen. Dabei sind etliche SED-Kader, die längst wieder führende Posten bekleiden: Der Sekretär der SED-Kreisleitung ist PDS-Fraktionschef, der stellvertretende Amtsleiter beim Rat des Kreises Oberbürgermeister, die Kulturverantwortliche des Kreises sitzt im Stadtrat.

So allgegenwärtig wie die PDS können die anderen Parteien schon mangels Personal nicht sein. In allen Wohnkomplexen hat die PDS Basisgruppen, einmal im Monat ist PDS-Frühschoppen. Alle halbe Jahre legt die Fraktion Rechenschaft über ihre Arbeit ab. Das tut sie stets in der größten Halle der Stadt, die sich Haus der Bergbau- und Energiearbeiter nannte, vor der Wende. HBE sagen die Leute noch heute.

Populismus will der SPD-Vorsitzende Delling der PDS nicht unterstellen. "Das steckt noch in ihnen drin, nicht zuerst an sich selbst zu denken", sagt er. "Die sind sehr nah an den Menschen dran." Über Ungerechtigkeiten könnten die sich noch richtig aufregen. PDS-Stadtrat Uwe Kratzert wollte sich nicht beruhigen, als er erfuhr, dass Formel-1-Fahrer Michael Schumacher nach seinem Rennunfall pro Tag 250 000 Mark Krankengeld bekommen soll: "Das sind in vier Tagen eine Million Mark! Wissen Sie, was ich mit einer Million für sozial Bedürftige in Hoyerswerda tun könnte?"

Jeder dritte Hellersdorfer ist jünger als 15, und eine Studie aus dem Jahr 97 zeigt, wo die Jugendlichen am liebsten ihre Freizeit verbringen: in Supermärkten und an Imbissständen. Also investieren Bürgermeister Klett und seine PDS - gegen massiven Widerstand des Berliner Senats - in die Jugendförderung. Die Verbesserung der Infrastruktur muss warten.

Bei den jungen Wählern kommt das gut an. Zum Beispiel bei Zoe Heinze, 24, die im dritten Semester Sozialpädagogik an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Hellersdorf studiert. Ihr Traum ist es, später ein Haus für Straßenkids aufzumachen. Die PDS wählt Zoe, seit sie 18 ist. Sie trat in die Partei ein, nachdem sie in einer Basisorganisation mit dem hippen Namen X-tern mitgearbeitet hatte. Ihr gefiel, wie die Partei den Jugendlichen Hilfestellung gab: Wie meldet man eine Demo an? Wie organisiert man ein Konzert? Seit einem Jahr sitzt Zoe im Bezirksvorstand der Hellersdorfer PDS. Eine andere Partei kommt für sie nicht in Frage. Ihre Begründung erinnert unfreiwillig an einen ähnlich kritischen Kollegen, der sich vor einiger Zeit aus der großen Politik verabschiedet hat: "Weil mein Herz links schlägt."

Das ist in Hellersdorf nicht anders als im benachbarten Marzahn, wo ebenfalls regelmäßig über 40 Prozent PDS wählen. "Stefan!", ruft die Wahlkampfhelferin entzückt, als sie in die PDS-Geschäftsstelle schreitet, "die Mädchen haben uns deine Wahlbroschüre aus den Händen gerissen": "Wie süß!" hätten sie beim Anblick des Kandidatenfotos gerufen. "Vielleicht sollte ich die signieren", sagt Stefan Liebich und lächelt zufrieden. Der 26-jährige Bezirkschef der PDS Marzahn, Betriebswirt von Beruf, bewirbt sich um die Wiederwahl ins Berliner Abgeordnetenhaus. Sein Motto: "Jugend voran!"

Sein Image als Polit-Popstar pflegt der junge Mann mit den langen Haaren und dem Kinnbart recht ungeniert, zum Beispiel mit einer eigenen Homepage im Internet. Unter den Rubriken, die seine Wähler und Groupies anklicken können: Mein Leben ("mit dem Verweis auf Fotos von mir"), Die Partei, die Partei und Marzahn ist schön.

Liebichs Vita ist nicht untypisch für die neuen Jungen in der PDS. Zu Wendezeiten war er FDJ-Sekretär an seiner Schule. "Ich war immer einer von denen in der DDR, die eher dafür als dagegen waren", erinnert er sich. Er hatte dann "eine kurze Phase des Frusts, wo ich mich politisch nicht mehr engagieren wollte". Doch an seinem 18. Geburtstag, am 30. Dezember 1990, ist er dann in die PDS eingetreten. "Alles andere wäre unglaubwürdig gewesen." Für die Zukunft seiner Partei hat er klare Vorstellungen. "Erst mal die Weltrevolution, und dann kümmern wir uns um die Kitas - das wird scheitern", sagt er, die Hand auf dem Neuen Deutschland. "Wenn die PDS alles und alle vertreten will, dann funktioniert das irgendwann nicht mehr. Der gute Mensch vom Dienst, der in der PDS sitzt und mit den bösen anderen Politikern nichts zu tun hat, das wird bald vorbei sein."

Im Ullstein-Saal des Springer-Hauses wird Gregor Gysi zum Ende seines Rededuells mit Guido Westerwelle grundsätzlich. "Wer die Einheit will, muss sich mit der PDS abfinden."

Er sitzt dann noch eine Weile in der Lobby, Marlboro rauchend, im dunkelblauen Anzug und Schröder-roter Krawatte, und denkt laut über die Zukunft der Partei nach. "Das kann schon sein, dass der Schröder die nächste Bundestagswahl gewinnt", sagt Gysi. "Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass SPD und PDS gemeinsam gewinnen." Das sei dann das "wahre Mitte-links-Bündnis". "Wir werden es erleben", prophezeit er mit erhobenem Zeigefinger, drückt die Zigarette aus und entschwindet durchs Portal. Draußen im Regen steigt er in eine dunkelblaue Audi-Limousine, auf deren Kennzeichen seine Initialen stehen: GG. Unterm Arm trägt der Hoffnungsträger des demokratischen Sozialismus ein Buch mit dem Titel Von Berlin aus gesehen. Geschrieben hat es Axel Springer.

Mario Kaiser und Roland Kirbach

(c) DIE ZEIT