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Zum Gedenken an Werner Seelenbinder

Rede auf der Gedenkveranstaltung der PDS Berlin anläßlich des 100. Geburtstags am 2. August 2004

Rede auf der Gedenkveranstaltung der PDS Berlin zum 100. Geburtstag von Werner Seelenbinder

Liebe Berlinerinnen und Berliner, liebe Neuköllnerinnen und Neuköllner, sehr geehrte Gäste der Stadt!

Heute, vor 100 Jahren, wurde Werner Seelenbinder geboren. Am 24. Oktober 1944 wurde er von den Nazis hingerichtet. Vom selben Tag ist ein Abschiedsbrief erhalten. Er spricht für sich und natürlich für Werner Seelenbinder. Deshalb rufe ich Auszüge in Erinnerung:

„Die Stunde des Abschieds ist nun für mich gekommen. Ich habe in der Zeit meiner Haft wohl alles durchgemacht, was ein Mensch so durchmachen kann. Krankheit und körperliche und seelische Qualen, nichts ist mir erspart geblieben.

Es waren schöne Stunden, die ich mit Euch verlebt habe, und ich habe in meiner Haftzeit davon gezehrt und mir diese herrlichen Zeiten zurück gewünscht. Das Schicksal hat es nun leider nach langer Leidenszeit anders bestimmt.

Ich weiß aber, dass ich in den Herzen von Euch und auch bei vielen Sportanhängern einen Platz gefunden habe, den ich immer darin behaupten werde. Dieses Bewusstsein macht mich stolz und stark und wird mich in letzter Stunde nicht schwach sehen.“

Wir haben uns heute versammelt, um den Platz, von dem Werner Seelenbinder schrieb, zu stärken: Im Herzen, mit Verstand und an historischer Stelle. Denn am 29. Juli 1945 wurde die Urne Werner Seelenbinders hier beigesetzt, an der Heimstätte seines früheren Vereins SC Berolina 03. Wenig später erhielt das Stadion Neukölln den Namen „Seelenbinder-Kampfbahn“. Ich finde es gut, dass sich die BVV-Neukölln auf Antrag der PDS in diesem Jahr wieder dieser Gedenkstätte angenommen hat. Und ich finde es schade, dass dieses Stadion nicht mehr nach Werner Seelenbinder benannt ist.

„Die Stadt und der Sport ehren Werner Seelenbinder“. So haben wir unser Meeting überschrieben und dazu heiße ich alle herzlich willkommen. Ich freue mich, dass Peter Hanisch, Präsident des Landessportbundes, sprechen wird, ebenso Claus Baumhauer, Präsident des Berliner Ringerverbandes. Ich freue mich besonders, dass auch der Bezirk Neukölln durch seine stellvertretende Bezirksbürgermeisterin, Frau Vogelsang, heute hier anwesend ist.
Gekommen sind Sportler, namhafte und hoffnungsvolle, Antifaschistinnen und Antifaschisten, Berlinerinnen und Berliner sowie Gäste aus Nah und Fern, die Werner Seelenbinder ehren wollen.

Andere haben mit Bedauern abgesagt, zum Beispiel Sport-Senator Klaus Böger und der Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky sowie Repräsentanten verschiedener Gewerkschaften. Leider fehlt auch Harald Wolf, Bürgermeister und Senator von Berlin. Er wollte extra aus dem Ausland einfliegen, landet aber verspätet und bat mich ausdrücklich, alle Anwesenden zu grüßen.

Ich begrüße ausdrücklich auch alle Vertreterinnen und Vertreter der Medien. Denn es ist überfällig, dass Werner Seelenbinder im öffentlichen Bewusstsein wieder den Platz einnimmt, der ihm gebührt. Und mit ihm die vielen und doch zu wenigen, die Widerstand gegen das Hitler-Regime geleistet haben.

Für mehrere Zeitungen und Sender war der 100. Geburtstag Werner Seelenbinders Anlass, über ihn zu berichten, auch über den Umgang mit seiner Geschichte. Die Märkische Allgemeine schrieb heute:
„Das Andenken an den Athleten verblasst, möglicherweise auch, weil westdeutsche Historiker Berührungsängste haben, und weil in Ostdeutschland nach der Wende eine gewisse Ermüdung eingetreten ist.“

Anfang März fand in Berlin erneut ein Werner-Seelenbinder-Turnier statt. Es führte junge Ringer aus mehreren Bundesländern zusammen. Ich weiß das auch deshalb, weil Petra Pau und damit die PDS im Bundestag, Schirmfrau war. Noch wichtiger aber ist, dass der Berliner Sport bewusst an Traditionen anknüpft, die gut sind und aktuell bleiben. Dasselbe wollen wir heute tun.