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Deutschlandhalle: Jegliches hat seine Zeit

Video der Rede auf rbb-online.de

34. Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlin in der 16. Wahlperiode zur Große Anfrage »Zukunft der Deutschlandhalle«

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir befassen uns auf Wunsch der CDU das dritte Mal im Plenum mit der Deutschlandhalle. Für die CDU war das Thema so wichtig, dass sie dazu eine Große Anfrage eingebracht hat. In weiten Teilen der CDU stößt sie aber offensichtlich auf kein großes Interesse.

[Beifall bei der Linksfraktion
Vereinzelter Beifall bei der SPD]

Auch bei den anderen Fraktionen ist das Interesse nicht übermäßig, aber da das Thema nun einmal auf der Tagesordnung stand, habe ich mir mit meiner Rede viel Mühe gegeben und werde sie halten.

»Jegliches hat seine Zeit, Steine sammeln, Steine zerstreun.«

Das dichtete Ulrich Plenzdorf für die Puhdys als Titellied für den DEFA-Film »Die Legende von Paul und Paula«. Auch wenn es mancher traurig finden mag: Die Zeit für die Deutschlandhalle ist abgelaufen. Es ist an der Zeit, sich von einem Bauwerk mit über 70-jähriger Geschichte zu verabschieden. Es wäre nicht das einzige, dem die Berlinerinnen und Berliner Lebewohl sagen, und wie in jedem Fall fällt das dem einen schwerer und dem anderen leichter.

[Alice Ströver (Grüne): Wie beim Palast der Republik!]

Das ist eine gute Gelegenheit, um einmal zurückzuschauen: Die Deutschlandhalle wurde anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 in nur neunmonatiger Bauzeit errichtet und am 29. November 1935 im Beisein von Adolf Hitler eröffnet.

[Oh! von der CDU-Fraktion und den Grünen]

Das war so. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Dort fanden zunächst Sport- und Showveranstaltungen sowie Massenveranstaltungen der NSDAP und ihrer Organisationen statt. Bei den Olympischen Spielen 1936 wurde dort unter anderem das Ringerturnier ausgetragen, bei dem der deutsche Kommunist Werner Seelenbinder Platz 4 belegte.

[Vereinzelter Beifall bei der Linksfraktion]

Sie wissen sicher, dass er wegen seines Widerstands gegen das Naziregime vom Volksgerichtshof in Potsdam zum Tode verurteilt und am 24. Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet wurde.

Durch alliierte Luftangriffe wurde das Gebäude 1943 zerstört und nach Kriegsende wieder aufgebaut. Die Deutschlandhalle war von 1957 an Veranstaltungsort von Shows wie »Holiday on Ice« oder »Menschen, Tiere, Sensationen«. Sie war Vorreiter bei Hallenfußballturnieren und immer wieder Boxarena z. B. für Muhammad Ali und andere Boxlegenden.

[Andreas Statzkowski (CDU) meldet sich zu einer Zwischenfrage.]

Präsident Walter Momper:

Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Statzkowski?

Stefan Liebich (Linksfraktion):

Nein!

[Zurufe]

Präsident Walter Momper:

Dann fahren Sie bitte fort!

Stefan Liebich (Linksfraktion):

Ich gestatte überhaupt keine Zwischenfragen, um das gleich zu Beginn gesagt zu haben. 1995 war die Deutsch­landhalle auch die Spielstätte des Basketball-Europapokalsiegs von Alba Berlin.

[Michael Schäfer (Grüne): Schreiben Sie Ihre Reden bei Wikipedia ab?]

Als die Stadt geteilt war, war sie Westberlins größte Konzerthalle. Es spielten hier u. a. die Rolling Stones, The Who, Queen und Jimi Hendrix. David Bowie hatte in dem Film »Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« einen Auftritt in der Deutschlandhalle.

[Michael Schäfer (Grüne): Die Rede können Sie sich sparen!
Zurufe von der FDP]

Ich selbst hatte nach dem Mauerfall das Vergnügen, hier u. a. bei den Toten Hosen, bei Katarina Witt und Depeche Mode Zuschauer zu sein.

[Beifall bei der FDP]

Besonders gern erinnere ich mich an den Auftritt von Rio Reiser, der bekanntlich Mitglied der PDS war und das Konzert bei der Abschlusskundgebung des PDS-Bundestagswahlkampfs 1990 in der Deutschlandhalle gab.

[Beifall bei der Linksfraktion]

Aber - Herr Jahnke hat es angesprochen - in manchen Fragen sind weder Ostalgie noch Westalgie, sondern Entscheidungen gefragt. Deshalb war es richtig, dass der Senat nach der nur noch übergangsweisen Nutzung der Deutschlandhalle für den Eissport eine Entscheidung getroffen hat. Die bestehenden Mängel insbesondere im Dachbereich erforderten eine verantwortungsvolle Abwägung der Risiken. Wenn Herr Statzkowski sagt, es sei alles nicht so schlimm, denn es fielen ja nur einige Platten herunter, so möchte ich daran erinnern, dass die inzwischen komplett abgerissene Eislaufhalle in Bad Reichenhall im Januar 2006 15 Menschen unter sich begraben hat.

Zudem ist die Deutschlandhalle auch wegen der enormen Betriebskosten weder für den Eissport noch für Messezwecke wirtschaftlich zu betreiben. Nach wie vor - das ist bereits ausgeführt worden - hat der Standort der Deutschlandhalle eine hohe Priorität für eine Flächenerweiterung der Messe. Für den Eissport herrscht keine Gefahr - das ist ebenfalls bereits deutlich gemacht worden -, da mit dem Bau einer neuen Halle im Herbst 2009 bzw. Anfang 2010 begonnen werden soll.

[Vereinzelter Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Zum Denkmalschutz hat Harald Wolf das Notwendige gesagt. Es ist möglich, eine denkmalschutzrechtliche Abrissgenehmigung zu erteilen. Genau genommen ist sie sogar zu erteilen, wenn Gründe des Denkmalschutzes dem nicht entgegenstehen oder - und das ist hier der Fall - ein überwiegendes öffentliches Interesse die Maßnahme verlangt. Weil das so ist, tragen die Koalitionsfraktionen gleichermaßen die beiden in der entsprechenden Senatssitzung getroffenen Entscheidungen mit - d. h. sowohl den wirtschaftlich sinnvollen Abriss der Deutschlandhalle als auch die stadtentwicklungspolitisch gewünschte, wenn auch finanzpolitisch fragwürdige Sanierung des ICC, die jedoch sachlich nicht zusammenhängen. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit!

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]