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Von Fahnenappell bis Staatsbürgerkunde: Eine Podiumsdiskussion im Berliner Abgeordnetenhaus beschäftigte sich mit dem Schul-Alltag in der DDR

Mythos Chancengleichheit

RALF SCHULER

BERLIN "Chancengleichheit hat es in der DDR nie gegeben." Ein Satz, so lapidar wie abschließend, so nüchtern-hart und explosiv, weil er ausgerechnet von Stefan Liebich kommt, dem Vize-Vorsitzenden der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. "Mythos Chancengleichheit – Von Fahnenappell bis Staatsbürgerkunde – Schulischer Alltag in der DDR" hieß das Thema der Podiumsdiskussion, zu der die Bündnisgrünen in den Preußischen Landtag geladen hatten, und es hätte im Grunde doch Liebichs Part sein sollen, die "Es-war-nicht-alles-schlecht"-Position zu besetzen. Und dann so etwas.

Ein 150-Prozentiger sei er gewesen, sagt er. 1979 in Greifswald eingeschult, später nach Berlin-Marzahn gezogen, Bewerber für die "bewaffneten Organe", sei er nie an irgendwelche Grenzen des Systems gestoßen. West-Fernsehen war auf dem Schulhof kein Thema, weil auch die anderen an der Marzahner Schule ihre Eltern bei den "Organen" hatten, am Fahnenappell habe er nie gezweifelt, in der Wende und Wende-Folgezeit verteidigt er mit einer Art Trotz die Ost-Schule gegen Kritik aus dem Westen. "Erst in den letzten Jahren habe ich die Schattenseiten dieses Schul-Regimes wirklich reflektiert."

Im Publikum treibt es manchem bei diesen Schilderungen erkennbaren Widerwillen aufs Gesicht. Es ist das Verdienst der Bündnisgrünen, sich in einer Diskussionsreihe genau jener Mythen angenommen zu haben, die auch nach 17 Jahren Einheit oft noch unreflektiert gepflegt werden und an denen jene schwer leiden, die sie nicht teilen. Beim hohen Loblied auf die DDR-Schule, das derzeit vielerorts wieder gesungen wird, ist das nicht anders, und es wirkt mitunter geradezu befreiend, wenn die Rede auf die Realität im realen Sozialismus kommt.

Zwölf Prozent eines Jahrgangs seien als Quote fürs Abitur an der Erweiterten Oberschule geplant gewesen, sagt Regina Mönch von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und bemängelt, dass es in den Lehrer-Kollegien im Osten gleich nach der Wende wieder um Anpassung und Opportunismus gegangen sei, als die Übernahme ins neue Schulsystem anstand. "Es gab keine Schulreform", sagt Mönch und berichtet von heute gut bestallten Ost-Lehrern, die als "schlechte-Laune-Patrioten" ein eher distanziertes, mitunter nostalgisch durchsetztes Verhältnis zur Gegenwart vermittelten – mit dem Verweis, die Zeit des Indoktrinierens sei schließlich vorbei.

Die Autorin Ines Geipel, frühere Leistungssportlerin und heutige Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", kam als Kind "strammer Kommunisten" mit zwei Jahren in den Kindergarten und durchlief das DDR-Bildungssystem (inklusive Sport-Internat) bis zu ihrem Studienabschluss mit 29. "Ich habe unter dem Verlust des eigenen Ichs in diesem System so gelitten, dass ich am Ende wenigstens mit offenen Augen auf das Regime geblickt habe", versucht sie der Zeit etwas Positives abzugewinnen.

In der DDR wurde andersherum diskriminiert, da hatten es die Kinder der Intelligenz schwer. Jenseits der politischen Durchsetzung sei die Qualität der Wissensvermittlung nie realistisch erhoben worden, zumal in Zeiten des Lehrermangels auch eher uninspirierte Pädagogen akzeptiert wurden. Und soziale Aufstiegschancen seien in einem Land mit permanentem Arbeitskräftemangel eben auch nicht mit dem heutigen Arbeitsmarkt vergleichbar. Da auf dem reinen Ost-Podium also niemand, nicht einmal Links-Politiker Liebich, einen Versuch zur Ehrenrettung der DDR-Schule unternahm, glitt die Debatte immer wieder rasch zur von der Berliner Linkspartei favorisierten "Gemeinschaftsschule" hinüber.

Tobias Barthl, Leiter der mit zahlreichen Auszeichnungen bedachten Grundschule im Grünen im Hohenschönhausener Ortsteil Malchow und einziger Praktiker in der Runde, zeigte sich aber auch hier skeptisch. "Es kommt auf die Lehrer an und auf die Rahmenbedingungen, in denen der Unterricht stattfindet. Erst danach kommt die Schulform ins Spiel", sagte er. Dass angesichts aktueller Bildungsdebatten manche Ost-Lehrer wie die "Sieger des Bildungssystems" fühlten, sagte ein Zuhörer, sei ein dramatisches Missverständnis. Auch da gab es keinen Widerspruch.

(c) Märkische Allgemeine, 2.11.2007