Menü X

Der Rasierapparat Bebo-Sher

Rede zur Großen Anfrage über "Industrie in Berlin"

Stefan Liebich (Linksfraktion):

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Als ich 1995 in dieses Parlament kam und Mitglied des Wirtschaftsausschusses wurde, war die Debatte um die Berliner Industrie im Vergleich zur Dienstleistungslandschaft noch ein bisschen anders als heute. Wir haben darüber diskutiert, wie toll es ist, dass sich ganz viele Dienstleistungsunternehmen, Debis, am Potsdamer Platz ansiedeln. Es wurde viel über die Bundesregierung geredet. Man hatte immer noch damit zu kämpfen, dass der Strukturwandel Ost wegen der planwirtschaftlichen Betriebe, die nicht wettbewerbsfähig waren, und auch der Strukturwandel West wegen der verlängerten Werkbänke, die auch nicht wettbewerbsfähig waren, so eine Entwicklung erzeugten, wo viele gesagt haben: Auf die Industrie braucht ihr nicht mehr zu setzen, künftig wird die Wirtschaft hauptsächlich durch den Dienstleistungssektor bestimmt werden. – Wir haben dann hier auch darüber diskutiert, ob bestimmte ältere Mittel überhaupt noch sinnvoll sind. Das Industrieflächensicherungsprogramm war in der Diskussion. Braucht man so etwas eigentlich noch?

Ein bisschen ist so eine Debatte auch immer von den eigenen Eindrücken geprägt. Deswegen frage ich Sie, was Ihre Assoziation ist, wenn Sie Industrie hören, ob Sie dabei an Schornsteine, Lärm, Schmutz und Werkshallen denken. Ich gebe zu, mein Bild war durchaus so. Mein Kontakt mit der Industrie war dadurch geprägt, dass wir in der DDR und in Ostberlin ein Unterrichtsfach namens PA – produktive Arbeit – hatten. Da sind wir einmal in der Woche vier Stunden in einen Industriebetrieb gegangen. In meinem Fall war das das Berliner Bremsenwerk, das an dem Standort war, wo jetzt BFA am Bahnhof Ostkreuz sitzt. Da war viel Lärm. Da war viel Schmutz. Ich habe Respekt vor der harten Arbeit der Menschen dort gelernt, aber es hat mir keinen Spaß gemacht. Ich habe die Industrie auch nicht in besonders guter Erinnerung behalten.

Mittlerweile ist es so, wenn man sich die großen Berliner Industrieunternehmen anguckt, das hat alles mit diesem Industriebild aus der DDR und dem aus dem Westen der Siebzigerjahre nicht mehr viel zu tun. Man kann dort quasi vom Fußboden essen. Das sind alles saubere, glänzende Unternehmen. Und sie sind wichtig. Sie sind das Rückgrat der Wirtschaft in dieser Stadt. Sie beschäftigen viele Menschen.

[Beifall von Burgunde Grosse (SPD)]

800 Berliner Industriebetriebe beschäftigen 100 000 Menschen in unserer Stadt. Dazu kommen Tausende Unternehmen, industrielle Kleinstbetriebe, die auch noch einmal einigen Tausend Menschen ihre Existenz sichern.

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Nach den Zahlen, die jetzt sehr ausführlich genannt wurden, weil sie auch erfragt wurden, möchte ich diese Zahlen anhand von drei Berliner Industriebetrieben ein wenig illustrieren. Als Erstes BMW: Das erste BMW-Automobil wurde in Berlin produziert. Am 22. März 1929 verließen die ersten BMW-Dixi die angemietete Produktionshalle in der Nähe eines alten Flugplatzes in Berlin-Johannisthal. Das erste BMW-Motorrad aus Berlin rollte 1967 vom Montageband. Heute kommen alle BMW-Motorräder, auf denen weltweit gefahren wird, aus Berlin. 1 923 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bauen täglich bis zu 540 Motorräder.

[Beifall bei der Linksfraktion –
Beifall von Daniel Buchholz (SPD)]

Oder Gillette: Rasiertechnologie der Spitzenklasse hat in Berlin bereits eine jahrzehntelange Tradition. Seit 75 Jahren besteht das Gillettewerk Berlin, früher die Otto-Roth-Spezialfabrik für Rasierapparate und Rasierklingenabziehmaschinen, in dem heute Tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt sind. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat da – ich hätte fast gesagt, im Wahlkampf – im Rahmen seiner Arbeit im Jahr 2006 per Knopfdruck die neue Produktionsanlage in Gang gesetzt. Ich kann dieses Produkt made in Berlin als langjähriger Nutzer von Gillette durchaus empfehlen.

[Zuruf: Schleichwerbung!]

Als drittes Beispiel für einen Berliner Industriebetrieb mit langer Geschichte: Alstom Power/Stadler, 1909 in Berlin-Wilhelmsruh gegründet, in den Bergmannwerken wurden damals auch Autos produziert, später Rüstung. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war das Werk zu 75 Prozent zerstört. Unter der Sowjetischen Militäradministration wurden dann Kochtöpfe, Pflüge und Handkarren hergestellt. Später hat man sich umgestellt, als man den Namen Bergmann-Borsig angenommen hat – übrigens Borsig, weil viele Arbeiterinnen und Arbeiter aus den Borsigwerken in Tegel beim Aufbau geholfen haben. Später hat man Energieanlagen, Großturbinen und Kraftwerksgeneratoren produziert. Von dort auch einer der Impulse für den 17. Juni 1953 aus. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem Bergmann-Borsig-Werk Wilhelmsruh sind auf die Straße gegangen. 1961 wurde das Werk Grenzgebiet. Man durfte es nur mit einem speziellen Ausweis, einer speziellen Genehmigung betreten. Vielen DDR-Bürgern ist Bergmann-Borsig vor allem durch ein Konsumprodukt bekannt geworden, weil der Rasierapparat Bebo-Sher in Bergmann-Borsig-Werken hergestellt wurde, der übrigens auch über westdeutsche Versandkataloge vertrieben wurde.

[Zuruf: Ostalgie!]

Mittlerweile ist es so, dass dort Kraftwerksaktivitäten von ABB mit 250 Beschäftigten stattfinden. Auf dem Gelände befindet sich auch ein Schienenfahrzeugbau der schweizerischen Stadler-Rail, wo Regionalbahnen, S-Bahnen und Stadtbahnen konstruiert, hergestellt usw. werden.

[Michael Schäfer (Grüne): Zählen Sie
jetzt alle Betriebe auf?]

– Nein, drei! Wenn Sie mir zugehört hätten, dann hätten Sie es mitbekommen. Ich habe vorher angesagt, dass es drei sind. Das kann ich jetzt nicht in Elefanten umrechnen,

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

aber ich denke, es ist trotzdem für diejenigen interessant, die dem subtilen Hinweis unseres Wirtschaftssenators folgen wollen, auch bei ihren Besuchen im Ausland oder im Rest unseres schönen Landes darüber zu informieren, was der Berliner Industriestandort eigentlich wert ist. Es kann nicht schaden, da auch auf konkrete Beispiele Bezug zu nehmen.

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Denn ich ahne schon, es wird wahrscheinlich in den Reden der Oppositionsvertreter den Hinweis darauf geben, der in dieser Debatte immer kommt, dass es einen Zeitpunkt im Wahlkampf gab, wo ein überhaupt nicht existenter Widerspruch zwischen Klaus Wowereit und Harald Wolf aufgetreten ist. Dann wird immer lange darüber lamentiert, dass nun endlich – – Herr Pflüger hat das auch als festen Bestandteil jeder Rede. Ich weiß, er nickt.

[Dr. Friedbert Pflüger (CDU): Kommt gleich noch!]

– Ja, danke, ich freue mich schon! – Deswegen dachte ich, wir können uns den Teil heute sparen. Ich wollte einmal konkret über Berliner Industriebetriebe reden.

Ich bedanke mich auch bei Harald Wolf und bei dem Berliner Senat insgesamt, bei Klaus Wowereit, für die verstärkten Bemühungen um die Berliner Industrie, die es nunmehr gibt. Das Industrieforum im Berliner Roten Rathaus ist erwähnt worden – eine sehr gute Veranstaltung. Auch dort ist deutlich geworden, dass es sich bei der Berliner Industrie nicht um Vergangenheit, sondern um Zukunft handelt und dass unser Senat und unsere Koalition gemeinsam arbeiten, um ihr bestmögliche Rahmenbedingungen zu bieten.

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Und auch da – das hat Harald Wolf angesprochen –, wo es manchmal nicht so gut läuft – die Beispiele sind bekannt und wurden benannt und werden wahrscheinlich auch benannt –, stehen Koalition und Senat – und manchmal auch Opposition – zusammen an der Seite der Beschäftigten und kämpfen um jeden Arbeitsplatz. Auch wenn das die FDP immer gerne kritisiert, ich finde, das ist genau der richtige Weg.

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Mein Fazit also – ich kann mich da den Kollegen der Verbände anschließen –: Die Zeichen stehen weiterhin auf Wachstum und Beschäftigungszuwachs. So sagt der IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder: Das Stimmungshoch hat mehrere Gründe. Vom Export getrieben erweise sich insbesondere die Industrie als Wachstumsmotor. – Und Arno Hager von der IG Metall fragt: Wo wird denn die leistungsfähigste Turbine der Welt gebaut? Wo entstehen die besten Windkraftmotoren, die modernsten Autolampen und die Motoren für den Maybach? Alles in Berlin! Zwar werde es noch ein paar Havarien geben, doch auf längere Sicht werde der Industriestandort ausgebaut. – Was wir dafür tun können, tun wir gemeinsam. – Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Neu! Jetzt auch als Videoclip: http://www.rbb-online.de/_/imparlament/beitrag_jsp/key=7065205.html