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Geteilte Träume – hüben wie drüben

Brot, Pop und Politik Nr.6

Stefan Liebich moderierte am Mittwochabend die sechste Veranstaltung der Reihe »Brot, Pop & Politik – Stefan Liebich und Gäste« im Blauen Salon der Brotfabrik. Diesmal gab er zwei Autoren, die Möglichkeit, ihre Bücher – ihre Ost-West-Erfahrungs- und Verarbeitungsbücher – vorzustellen.
Robert Ide, Autor des Buches »Geteilte Träume. Meine Eltern, die Wende und ich« war zur Wende gerade mal 14 Jahre alt und wuchs somit nicht nur in die Welt der Erwachsenen hinein sondern auch in eine Welt, die seinen Eltern, wie er sagt, bis heute ein stückweit fremd geblieben ist. Während er sich durch die Wende die Schule aussuchen konnte, an der er sein Abitur macht, wurden die bis dahin Volkseigenen Betriebe, in denen seine Eltern jahrelang gearbeitet haben, abgewickelt. Mit diesem Gefühl, abgewickelt zu sein, wird Ide bei den Recherchen zu seinem Buch immer wieder konfrontiert, wenn er mit Leuten spricht, die sich selbst gelernte DDR-Bürger nennen.

Die Jüngeren aber, die so in seinem Alter sind, bemerkt er nachdenklich, sind sogar manchmal ein bisschen neidisch auf ihn. Neidisch, dass er zwei Systeme kennengelernt hat, dass er vergleichen kann. Stefan nickt, ja diese Erfahrung hätte er auch gemacht, wirft er ein.
Ides Mutter, die zurückhaltend auf einem Stuhl nahe der Wand Platz genommen hatte, war es manchmal anzumerken, dass die Diskussionen, die Ide für die nächsten Generationen fordert, um die DDR-Geschichte lebendig zu halten, in seiner Familie noch nicht zu Ende geführt hat. Und so stellt er fest, die Träume, die sie träumen, teilen sie mit ihrer Generation, die Generationen aber träumen geteilt.

Erika Maier, wagt mit ihrem Buch "Einfach leben - hüben wie drüben
Zwölf Doppelbiographien
" ebenfalls einen Blick nach West und Ost. Nach ihrer jahrzehntelangen Professur für Ökonomie, stürzt sie sich nach der Wende in Kommunalpolitik, kümmert sich um den Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Doch ein Satz auf der Feier ihres 45. Hochzeitstages sollte eine neue Neugier wecken. "Bei euch in der DDR hätte ich nicht leben können!« Dieser Satz war es, der Erika Maier für dieses Buch bewog. Sicher hat sie nach der Wende schon viele Gelegenheiten genutzt, den anderen Teil Deutschlands zu besuchen, aber nun hatte sie ein Ziel. Sie wollte nicht schauen, sie wollte vergleichen. Vergleichen, welchen Lebensweg Menschen gleichen Berufs in Ost und West genommen haben. Wie war ihr Leben vor ihrer Ausbildung, wie haben sie ihr Arbeitsleben erlebt, wie hat die Wende ihren Weg verändert. Lange Geschichten hörte sie sich an, schnell fassten die Zeitzeugen Vertrauen zu ihr, sagt sie. Sie lässt sie reden, lässt sie einfach reden. Manches was ihr erzählt wird, klingt für sie unglaubwürdig, doch sie hört einige Geschichten in ähnlicher Form immer wieder. Sie wundert sich, die Westdeutschen hatten Angst in den Osten zu fahren, eine wabernde, latente Angst, sagt sie. Trotzdem sie schreibt alles genauso auf, wie es ihr die Leute erzählt haben. Ihr Mann, der an einem der vorderen Tische sitzt, nickt ihr in diesem Moment zu. Sie sagt, dass Buch zu schreiben hat ihr Spaß gemacht, sie hat viele nette Leute kennen gelernt. Aber ihre „Paare“, wie sie sie nennt, haben außer dem Beruf noch etwas anders gemeinsam, sie haben Arbeit.

Da das Wendethema bewegt, freuten sich alle Anwesenden, über die kleene Chanson-Nette, die mit Charme und Schnauze, das Berlin 20er Jahre in den Salon holte. Eine Zeit in der Berlin noch nicht geteilt war.

Nicole Trommer