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Eine klare Absage

Stalinismus-Diskussion in einer Brotfabrik

Von Andreas Heinz

»Den Opfern des Stalinismus« – diese umstrittene Gedenkstein-Inschrift auf dem Berliner Friedhof Friedrichsfelde hatte Stefan Liebich, Vize-Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Abgeordnetenhaus, als Thema für seine dritte Gesprächsrunde in der Reihe »Brot, Pop und Politik« gewählt. Dazu lud er den Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Walter Momper (SPD), den Historiker Ulrich Mählert von der Stiftung »Aufarbeitung der SED-Diktatur«, Klaus Lederer, den Landesvorsitzenden der Linkspartei, und ND-Redakteurin Karlen Vesper in die »Brotfabrik« in Berlin-Weißensee.
»Mit Bauchschmerzen« benutzt Lederer den Begriff »Stalinismus«, da er sich nur auf eine Person beziehe. Und er betonte: Der Bruch mit dem Stalinismus sei für seine Partei unumkehrbar. »Inakzeptabel bis furchterregend« sei die Einstellung: »Alles, was bei uns schief lief, ist dem Klassenfeind zuzuschreiben.« Lederer unterstrich: »Wir müssen es mit dem emanzipatorischen, demokratischen Sozialismus ernst meinen. An den stalinistischen Herrschaftsgedanken ergeht eine klare Absage.« In der DDR sei auch Stalinismus praktiziert worden. »Aber es gab nie derartige Säuberungswellen wie in der Sowjetunion«, ergänzte Lederer.
In der anhaltenden Diskussion über Stalinismus und die »wahren Opfer« gebe es noch immer sehr konträre Meinungen, waren sich die Podiumsteilnehmer einig. Was Momper »normal« findet, er freue sich über Debatten. Moderator Liebich wollte von Karlen Vesper wissen, wie Leser des »Neuen Deutschland« auf den Stein des Anstoßes in Friedrichsfelde reagierten. Eine Minderheit lehne ihn radikal ab, spreche von »Schandstein« und zweiter Entweihung der Gedenkstätte, nach der durch die Nazis 1935. Die Mehrheit der Leser bekunde Zustimmung, sagte die Redakteurin. Jedoch stehe dieser Stein nach Ansicht vieler am falschen Ort und trage eine Aufschrift, die Raum für Zweideutigkeit gibt und sich zudem mit einem in den 50er Jahren in Westberlin aufgestellten Stein deckt.
Opfer des Stalinismus habe es nicht nur unter den Kommunisten gegeben, erinnerte Mählert. Worauf Vesper bemerkte, dass PDS wie ND sich dessen bewusst sind, etwa auch sozialdemokratische Opfer würdigen, ohne sie »zu vereinnahmen, der SPD wegnehmen zu wollen«, wie sie an Momper gerichtet versicherte. Diesem wiederum war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass »in der UdSSR ein Bürgerkrieg gegen das eigene Volk geführt« wurde. Der SPD-Politiker stimmte Lederer zu, dass der mit dem sowjetischen Stalinismus verbundene Terror nicht mit dem in der DDR verglichen werden könne. Es habe hier auch keinen Schauprozess wie in anderen osteuropäischen Staaten gegeben. Worauf Mählert einwand, dass ein solcher geplant war.
Momper und Vesper waren einer Ansicht, dass der Begriff »Stalinismus« inflationär gebraucht werde, in der Alltagssprache diffus und in der politischen Auseinandersetzung zur Diffamierung allen linken, sozialistischen Denkens. Momper erinnerte an den Marburger Soziologen Werner Hofmann, der bereits 1965 wissenschaftliche Analyse einforderte, denn sonst »bleiben die Vorstellungen vom ›Stalinismus‹ rein assoziativ, Sache des Gemüts, der Emotion«.

(c) Neues Deutschland, 21.4.2007