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Brot, Pop und Politik zum Dritten – Stefan Liebich und Gäste

„Den Opfern des Stalinismus ein bleibendes Andenken“

K. Lederer, W. Momper, St. Liebich und U. Mählert schauen Michaela Benn zu

In der dritten Runde von „Brot, Pop und Politik“ des Vereins Helle Panke e.V. in der Brotfabrik in Berlin-Weißensee ging es um die Opfer des Stalinismus. Anlass waren die Debatten um einen Gedenkstein auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde. Prof. Dr. Michael Schumann sagte auf dem Außerordentlichen Parteitag der SED/PDS am 16. Dezember 1989 in der Dynamo-Sporthalle in Berlin: „Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System.“ Und unter großem Beifall der Delegierten ergänzte er zur SED in den achtziger Jahren: „In Ablehnung von Perestroika und Glasnost wurde die Losung "Sozialismus in den Farben der DDR" begründet. Heute sollte man diese Zeit als "Stalinismus in den Farben der DDR" bezeichnen.“ Zum Abschluss seiner Rede schlug er vor: „Wir setzen uns dafür ein, daß den Opfern stalinistischer Verbrechen ein bleibendes Gedenken in unserer Gesellschaft bewahrt wird. Dem sollten sowohl das bereits von anderen vorgeschlagene würdige Mahnmal als auch Zeugnisse der Erinnerung und Bewahrung der bestehenden Museen und Gedenkstätten und in unserer schöngeistigen und wissenschaftlichen Literatur dienen.“

Auf dem Podium diskutierten zu diesem Thema ebenso kompetente wie interessante Gäste. Da wäre zunächst Karlen Vesper, geboren 1959 in Jakarta. Sie ist seit 1983 Redakteurin für Geschichte und Politisches Buch bei der Tageszeitung "Neues Deutschland". Sie sagt zum Stalinismus, dass er „ein politisches Herrschaftssystem (ist), das totale Kontrolle über die Menschen beansprucht ...“. Die Reaktionen der Leserschaft des Neuen Deutschland auf den Gedenkstein waren nach ihrer Aussage „durchwachsen, die ganze Bandbreite - von totaler Ablehnung, über die Meinung: "na ja, ist ja eine gute Sache, aber warum an diesem Ort und mit dieser nichts sagenden Aufschrift?" bis hin zu einhelliger Zustimmung.“ Weiterhin war Dr. Ulrich Mählert mein Gast. Er wurde 1968 in Neckarsulm geboren, ist Mitglied der historischen Kommission der SPD und arbeitet bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Er meint zur Frage, welchen Opfern des Stalinismus eigentlich zu gedenken ist, „dass es einerseits die Opfer des Stalinismus innerhalb der kommunistischen Bewegung gibt und andererseits die Opfer des Stalinismus darüber hinaus. Natürlich sind Fritz Sperling, Kurt Müller, Paul Merker etc. Opfer des Stalinismus. Aber das gilt sicher auch für bürgerliche Demokraten, Oppositionelle oder jene, die ohne oppositionelles Handeln Opfer des Systems geworden sind.“ Ein weiterer Gast über den ich mich sehr gefreut habe ist Walter Momper. Geboren 1945 im niedersächsischen Sulingen, hat er Politologie, Geschichtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Münster, München und Berlin studiert, war von 1972 bis 1986 Wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Geschäftsführer der Historischen Kommission zu Berlin und hat als SPD-Politiker fast alle Ämter die es gibt bekleidet: Regierender Bügermeister, Landesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender. Seit 2001 ist er Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin. Er betonte in seiner Ansprache zur Einweihung des Gedenksteins: "Dieser Stein soll die Gedenkstätte ergänzen, indem er einen historischen Aspekt ins Rampenlicht rückt, den manch einer - zumal an diesem Ort - lieber verschweigen würde. Er ist aber kein Gegenstück zur Gedenkstätte, dazu wäre er auch in seinen Dimensionen zu bescheiden (40x60 cm). Er ist eine - notwendige - Ergänzung." Und als vierten Gesprächsgast begrüßte ich Dr. Klaus Lederer, geboren 1974 in Schwerin. Er ist Jurist, Abgeordneter und seit 2005 Landesvorsitzender der Linkspartei.PDS in Berlin. Er sagt, „dass der Bruch mit dem Stalinismus als System, wie ihn die SED-PDS 1989 erklärt hat, auch heute in der Linkspartei.PDS mehrheitsfähig ist.“

Die Diskussion war interessant, wenn auch nicht besonders kontrovers und wurde von mir mit einer kleinen Provokation beendet. Mit einem Zitat des Mannes, von dem der Berliner Ehrenbürger Egon Bahr meinte, „Geheimdienstchefs seien nun mal nicht die Männer, die man seinen Kindern als Vorbild empfiehlt.“ In gewisser Weise, so Bahr, sei er "unser bester informeller Mitarbeiter" gewesen: „Er habe seine misstrauischen Dienstherren von der Friedfertigkeit der westdeutschen Ostpolitik überzeugt.“ Er spricht von Markus Wolf, der mit seiner Familie zur Hochzeit stalinschen Terrors in Moskau lebte. Markus Wolf sagt zur „Geschichte dieses furchtbaren Stalinismus“: „Noch heute erfährt man schreckliche Einzelheiten über das, was in den dreißiger Jahren geschah, und dieser Widerspruch zwischen dem Einsatz fürs Ideal, gegen den Faschismus, und dem, was da im eigenen Vaterland (der UdSSR S.L.) an entsetzlicher Auslöschung praktiziert wurde, unter dem gleichen Banner gewissermaßen – das bleibt als entsetzlicher Makel und ist nicht nur durch den drohenden Imperialismus zu begründen. Ich stelle immer fest, dass die Trauer wieder aufsteigt, wenn man sich diesem Thema nähert. Die Trauer, aber zugleich der Wille, sich nichts nehmen zu lassen, nicht die Scham, aber auch nicht das Recht gewissermaßen eigener Herr über diese Scham zu sein. Das freilich geht nicht. Man muss aufpassen, dass einem der Schmerz über das Geschehene wichtiger bleibt, als der Schmerz darüber, dass die Welt davon erfuhr. Das war ja ein moralisches Grundproblem des Stalinismus: Was die Welt nicht weiß, ist nicht geschehen; ein gut verborgen gehaltenes Verbrechen ist keines.“ So Markus Wolf im Juli 2006. Damit diese Verbrechen und deren Opfer nicht in Vergessenheit geraten, müssen wir darüber reden. Das haben wir bei dieser Veranstaltung getan. Kulturell wurde die Veranstaltung von Michaela Benn und Joachim Kuipers mit einigen Stücken aus ihrem aktuellen Programm „La musica della mafia“ ausgesprochen gelungen umrahmt.

Stefan Liebich

Weitere Berichte gibt es hier und hier und hier.