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Sowohl als auch, statt entweder oder!

Beitrag für ein Pro und Kontra zur Frage: "Warum braucht man für die Wertevermittlung bei Jugendlichen die Kirche nicht?" in der Wochenzeitung "Die Nordelbische"

"Warum braucht man für die Wertevermittlung bei Jugendlichen die Kirche nicht?"

Sowohl als auch, statt entweder oder!

Das Land Berlin hat ein neues, verpflichtendes Unterrichtsfach „Ethik“ eingeführt. Es will Wissen über Traditionen, Kulturen und die großen Weltreligionen zu vermitteln. Vor allem aber soll es Mädchen und Jungen ermöglichen, Bildung über die Grundlagen eines friedlichen und solidarischen Zusammenlebens zu erwerben. Es soll Raum geben, sich mit verschiedenen Lebensweisen und -vorstellungen auseinander zu setzen und für gemeinsame Werte, aber auch für Unterschiede sensibilisieren. Dass es nicht ausreicht, von der Schule insgesamt und von jedem einzelnen Unterrichtsfach „Werteerziehung“ zu verlangen, wird in Berlin schon seit Jahren diskutiert und für die teilweise nichtreligiöse, teilweise multireligiöse Gegenwart Berlins ist die sog. „Bremer Klausel“ des Grundgesetzes, die besagt, dass der Passus, wonach Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach ist, keine Anwendung in einem Land findet, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand, ein Glücksfall. Sie garantiert Religionsfreiheit ebenso wie sie einen toleranten Umgang mit allen Religionen und Weltanschauungen ermöglicht. Und wer die Frage stellt, ob Kinder und Jugendliche entweder ihre eigene Religion bekenntnisgestützt kennen lernen oder sich neutral über Werte und Religion informieren können müssen, den frage ich zurück: weshalb eigentlich dieses Entweder-Oder, wenn man wie in Berlin beides haben kann? Wie sollen Probleme des Miteinanders besprochen werden, wenn sich ausgerechnet hier Katholiken, Aleviten, Juden, Protestanten, Buddhisten und Atheisten separieren? Fragen zum achtungsvollen Umgang miteinander, zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, zu Toleranz und Fanatismus verdienen es, von allen Schülern gemeinsam diskutiert zu werden. Es ist schwer nachzuvollziehen, was daran verwerflich sein soll, wenn Kinder unterschiedlicher Herkunft sich in einem gemeinsamen Unterrichtsfach mit ihren Religionen auseinandersetzen oder mit denen diskutieren, die an keinen Gott glauben. Das neue Fach ist kein Alternativ-, sondern ein Zusatzangebot des Staates zum Religionsunterricht. Der in Berlin seit 1948 angebotene freiwillige Religionsunterricht wird weder verboten, noch aus der Schule gedrängt oder finanziell ausgetrocknet, sondern weiterhin vom Haushaltsnotlageland Berlin mit fast 49 Millionen € pro Jahr finanziert. Auch an der konkreten Ausgestaltung des Ethik-Unterrichts könnten sich die Kirchen und Religionsgemeinschaften beteiligen. Und inzwischen haben sie dafür bereits ihr Interesse bekundet. Das begrüßen wir, denn die Kirche wird bei der Wertevermittlung gebraucht.

(c) Die Nordelbische