Stefan Liebich
07.09.2011

Bundestagsrede: Deutschland kann einen besseren Beitrag für eine friedliche Welt leisten

Rede in der Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag zum Etat des Auswärtigen Amt, 7.9.2011:

Stefan Liebich, MdB DIE LINKE: Deutschland kann einen besseren Beitrag für eine friedliche Welt leisten

Rede in der Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag zum Etat des Auswärtigen Amt, 7.9.2011:

Mittel für Deutsche Welle und Goethe-Institut werden gestrichen. Bei Abrüstung und Rüstungskontrolle wird gekürzt, obwohl es gerade hier weltweit genug zu tun gibt. Mehr Geld für Auslandseinsätze der Bundeswehr werden eingeplant. Die Mittel für den zivilen Arm der NATO werden erhöht, statt diese der zivilen OSZE zu übergeben. Das ist absurd. Das größte außenpolitische Debakel ist nicht die Enthaltung der Bundesregierung im UN-Sicherheitsrat. Die deutsche Außenpolitik kam bereits 1998 mit der Entscheidung, ohne völkerrechtliche Legitimierung die Weichen für die Bombardierung Belgrads zu stellen, auf die schiefe Bahn. Deutschland kann einen besseren Beitrag für eine friedliche Welt leisten.

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren

Guido Westerwelle hat leider den Großteil seiner Redezeit hier für eine Parteitagsrede genutzt, um seine eigenen Leute hinter sich zu versammeln. Er hat zur Außenpolitik und zum Haushalt nur sehr wenig gesagt. Dabei gibt es hier viel, über das man diskutieren sollte; denn beides befindet sich in einer gewaltigen Schieflage. Sie setzen auf das Militär und kürzen die Mittel für friedenschaffende Maßnahmen. Wir finden das falsch. Ja, Herr Westerwelle, Sie haben recht: Wir haben dem in jeder Ausschusssitzung und in jeder Plenarsitzung widersprochen, und wir werden das weiterhin tun.

(Beifall bei der LINKEN)

Wenn man einen Blick in den Haushalt wirft, dann muss man feststellen, dass auf der einen Seite bei der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, dem Teil der Außenpolitik, der der Verständigung zwischen den Menschen verschiedener Nationalitäten dient, gekürzt wurde. Unter der Überschrift „Strukturelle Neupositionierung“ werden die Mittel für die Deutsche Welle um 2 Millionen Euro und für das Goethe-Institut um 4 Millionen Euro gekürzt. Die Mittel für Abrüstung und Rüstungskontrolle werden gekürzt. Dabei gibt es hier weltweit genug zu tun. Auf der anderen Seite werden 170 Millionen Euro mehr für Auslandseinsätze der Bundeswehr eingeplant; insgesamt zahlen wir dafür inzwischen mehr als 1 Milliarde Euro. Sie wollen zusätzliches Geld für den Ausbau des NATO-Hauptquartiers und den Ausbau des sogenannten zivilen Arms der NATO. Wozu braucht ein Militärbündnis einen zivilen Arm? Warum wird das Geld nicht der zivilen OSZE gegeben?

(Beifall bei der LINKEN)

Diese Prioritätensetzung ist absurd. Hier werden wir Änderungen beantragen. Die Haushaltsdebatte ist immer auch eine Gelegenheit für eine grundsätzliche Auseinandersetzung über die Politik in unserem Land. Diese ist im Bereich der Außenpolitik dringend erforderlich. Die Leser der Süddeutschen Zeitung haben sich im März dieses Jahres erstaunt die Augen gerieben, als sie lesen durften, dass der ehemalige Außenminister Fischer, Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen, „Scham für das Versagen unserer Regierung“ und der „roten und grünen Oppositionsführer“ empfand.

(Dr. Philipp Rösler, Bundesminister: Der meinte seine Regierung!)

Ende August teilte er via Spiegel mit, dass das Verhalten der Bundesregierung „ein einziges Debakel, vielleicht das größte außenpolitische Debakel seit Gründung der Bundesrepublik“ sei.

Worin bestand die Katastrophe, die Abgeordneten von CDU/CSU, SPD - das haben wir eben wieder bei Herrn Erler gehört - und Bündnis 90/Die Grünen so unendlich peinlich ist und den sogenannten Parteifreunden des Außenministers ein willkommener Anlass zu sein scheint, ihn endlich zum Rücktritt zu drängen? Es war die Entscheidung, einer Beteiligung an einem Bürgerkrieg nicht zuzustimmen. Es war die Entscheidung, deutsche Soldatinnen und Soldaten nicht erneut in ein militärisches Abenteuer mit offenem Ausgang zu schicken. Es war die Entscheidung, bei einer vorhersehbaren Fehlinterpretation der Charta der Vereinten Nationen und der Verantwortung zum Schutz der Zivilbevölkerung nicht mitzumachen. Natürlich sind wir alle froh, dass ein Diktator weniger im Amt ist. Aber heiligt dieses Ergebnis jedes Mittel?

(Beifall bei der LINKEN - Dr. Wolfgang Götzer (CDU/CSU): Was ist mit Castro?)

Es war nach wenigen Tagen der NATO-Bombardierung klar, dass es um mehr geht als um den Schutz von Zivilisten, wie vom Sicherheitsrat beschlossen.

Was passiert wohl mit der Zivilbevölkerung in einem Krieg? Herr Schockenhoff, Amnesty International hat beiden Konfliktparteien Folter vorgeworfen. Wir wissen gar nicht, wie viele Menschen den Truppen Gaddafis, denen der Rebellen und den Bomben der NATO zum Opfer gefallen sind. Die Rebellen selbst sprechen von 50 000 Toten. Dass Deutschland daran nicht beteiligt ist, soll das größte außenpolitische Debakel seit dem Zweiten Weltkrieg sein? Da fallen mir ganz andere Beispiele ein,

(Beifall bei der LINKEN)

die Entscheidung des Bundestages von 1998 zum Beispiel, gänzlich ohne völkerrechtliche Legitimierung die Weichen für eine Bombardierung von Belgrad zu stellen.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

Dieser erste Kriegseinsatz in der jüngeren deutschen Geschichte war ein Tabubruch. Damals, Herr Erler, ist die Außenpolitik auf die schiefe Bahn geraten.

(Beifall bei der LINKEN)

Ein weiteres Beispiel ist der Afghanistan-Krieg. Nach den unentschuldbaren Terrorangriffen auf New York und Washington und der Ermordung Tausender stand Deutschland an der Seite der Vereinigten Staaten. Bundespräsident Johannes Rau sagte vor 200 000 Berlinerinnen und Berlinern unter riesigem Beifall: „Hass darf uns nicht zum Hass verführen. Hass blendet.“

(Zurufe von der LINKEN: Genau! - Richtig!)

Die Regierung Schröder/Fischer/Schily/Künast reagierte anders. Unter der Überschrift „Uneingeschränkte Solidarität, das heißt auch militärischer Beistand“ führte sie Deutschland in einen seit zehn Jahren andauernden Krieg, in dem sich in diesem Moment über 5 000 deutsche Soldatinnen und Soldaten befinden. 52 haben dort bereits ihr Leben gelassen, mit ihnen 2 600 weitere Soldaten und mehr als 30 000 afghanische Zivilisten, und es geht immer weiter, und das, obwohl der afghanische Präsident Karzai im März dieses Jahres die NATO gebeten hat, die Bombardements einzustellen. Das und nicht die Enthaltung bei der Libyen-Abstimmung ist das größte Debakel der deutschen Außenpolitik.

(Beifall bei der LINKEN)

Die Bundesregierung hat im UN-Sicherheitsrat anders abgestimmt als die Regierung der Vereinigten Staaten. Das darf sie. Der vom Berliner rot-roten Senat zum Ehrenbürger ernannte Egon Bahr sagte 2003 mit Blick auf das deutsche Nein zum zweiten Irak-Krieg, dass man, statt den USA hinterherzulaufen, selbstbewusst den eigenen Weg gehen solle. Unterschiede müssten nicht Gegnerschaft sein. Recht hat er.

Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, die NATO hat einen militärischen Sieg gegen einen Diktator errungen, und wir waren nicht dabei. Aus meiner Sicht ist das kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Deutschland kann auf bessere Weise sehr viel Schlimmes verhindern und sehr viel Gutes tun.

(Beifall der Abg. Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE))

Was machen die Gewehre von Heckler & Koch in Gaddafis Palast? Was haben deutsche Panzer in Saudi-Arabien zu suchen, was deutsche Polizeiknüppel bei Mubaraks Sicherheitskräften?

(Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE): Richtig!)

Beenden wir die deutschen Waffenexporte! Beenden wir die Ausstattungs- und Ausbildungshilfen für Diktaturen! Beenden wir das am besten generell! Das ist der beste Beitrag, den Deutschland zur Schaffung einer friedlichen Welt leisten kann.

Danke schön.

(Beifall bei der LINKEN)

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