PDS-Landeschef Stefan Liebich im ND-Interview: Wie wir regieren, ist die entscheidende Frage
Der 29-jährige Diplom-Betriebswirt Stefan Liebich ist seit Dezember
letzten Jahres Landesvorsitzender und ab September
Fraktionsvorsitzender der PDS im Abgeordnetenhaus.
ND: Am Montag tagte der
Landesvorstand der Berliner PDS. Welche Schlussfolge-rungen wurden aus
dem Wahlergebnis in Berlin gezogen?
Liebich: Da gab es kein drumherum Reden: Das PDS-Wahlergebnis wurde als
»drastische Niederlage« bewertet. Wir sind uns einig, dass die Berliner
PDS einen wesentlichen Beitrag dazu leisten muss, das verlorene
bundespolitische Gewicht der PDS wieder zu gewinnen.
Der Landeswahlleiter konstatierte,
dass die Wahl in Berlin verloren wurde, wurden hier die größten Fehler
gemacht, war hier die schwierigste Situation?
Die Zahlen besagen zunächst, dass die PDS flächendeckend überall im
Osten verloren hat. In Berlin haben wir einen Verlust von 2,1
Prozentpunkten hinnehmen müssen. Das ist im Vergleich weniger als in
den anderen neuen Bundesländern. Im Berliner Maßstab, und zu dieser
Frage hat sich der Landeswahlleiter geäußert, hat die PDS allerdings am
meisten verloren. Die Verluste der SPD fielen geringer aus, sie büßte
in Berlin 1,2 Prozent ein. Grüne, CDU und FDP haben zugelegt.
Zitat von Stefan Liebich: »Es hat
nicht am Engagement gemangelt, eher an einem zugespitzten und
letztendlich bundespolitischem Profil.« Heißt das mit anderen Worten,
die Berliner haben es richtig gemacht, doch die Bundes-PDS-Spitze wahr
zu zahn- und konzeptionslos?
Nein, diese Aussage ist erst einmal verbunden mit dem ausdrücklichen
Dank an alle Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer an der Basis. Was die
Mängel und Schwächen betrifft, so ist die Berliner PDS von der Kritik
in keiner Frage ausgenommen. Wir sind ja schließlich Teil der
Bundespartei.
Es gibt Aussprüche führender
PDS-Politiker, die bei einem Teil der Mitglieder nicht besonders gut
angekommen sind. Ich denke an die vielen Entschuldigungen im
Zusammenhang mit der DDR-Geschichte. Wird man künftig etwas sensibler
mit den Lebensleistungen und -erfahrungen auch der älteren Mitglieder
umgehen?
Äußerungen und Erklärungen zum Beispiel zum 13. August oder 17. Juni
gibt es von der Berliner PDS, sowohl von der Fraktion als auch auf
Landesebene, schon seit 1990. Ich bleibe auch dabei, und viele ältere
Genossinnen und Genossen tragen dies mit, dass ein kritischer Umgang
mit der Geschichte der DDR und der SED zu den erklärten Zielen der PDS
gehört. Entschuldigungen werden Sie allerdings auch von meiner Person
nicht finden.
Wie will die PDS ihr Profil schärfen, um deutlich als Alternative zur SPD wahrgenommen zu werden?
Es wird für uns als kleinerer Koalitionspartner darauf ankommen, dass
am Ende der Legislaturperiode 2006 in Berlin der PDS drei, vier
erfolgreiche Projekte zugeschrieben werden, mit denen wir eine neue
Politik exemplarisch deutlich machen. Dafür scheuen wir dann auch
keinen Streit. Unter Profil schärfen verstehen wir allerdings nicht,
grundsätzlich in Gezänk mit der SPD zu verfallen.
Drückt sich die PDS vor der
eigentlichen Wahrheit, dass eine sozialistische Partei in einem
kapitalistischen System sehr wenig bewegen kann, da die wirkliche Macht
in ganz anderen Händen liegt?
Ich teile die Einschätzung, dass die Spielräume von Politik in Zeiten
zunehmender Globalisierung grundsätzlich kleiner werden. Das gilt für
sozialistische Parteien übrigens ebenso wie für andere. Allerdings
entlässt das auch die PDS nicht aus der Verantwortung, diese Spielräume
zu nutzen.
Standen beim Landesvorstand
personelle Fragen zu Diskussion, wenn ja, wie sollte die Berliner
PDS-Führung personell verändert werden?
Nein.
Ist die Entscheidung, Landesvorsitz und Fraktionsvorsitz in einer Hand zu halten, in der nun entstandenen Situation richtig?
Nach Gregor Gysis Rücktritt waren schnelle personelle Entscheidungen in
Berlin nötig. Es war richtig, dass wir uns für die Doppelfunktion
entschieden haben. Allerdings muss sie nicht zum Prinzip werden und
natürlich sind Wahlämter immer auch Ämter auf Zeit.
Was werden die nächsten Schritte
innerhalb der Berliner PDS sein, um den Wählern zu zeigen, dass die
Partei die richtigen Schlussfolgerungen aus dem schlechten Wahlergebnis
gezogen hat?
Es wird Beratungen auf Landes- und Bezirksebene darüber geben, wie sich
die PDS in der Koalition profilieren kann. Die Frage ist nicht, ob wir
regieren, sondern wie wir dies tun und wahrgenommen werden. Nicht
»Sparen, koste es, was es wolle«, ist unser Ziel. Vielmehr wollen wir
Prioritäten für die Stadt zu setzen. Zu einer Debatte darüber sind alle
gefragt.
Fragen: Peter Kirschey
(c) Neues Deutschland
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