Ruhige Wohngegend, grüne Innenhöfe, frisch sanierte, aber schlichte Fassaden – kaum zu vermuten, dass diese luftige 60er-Jahre-Bebauung sich unmittelbar am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg befindet, wo mittlerweile jede Lücke mit schicken und meist teuren Wohn- und Geschäftsbauten zugepflastert ist. Doch dies droht jetzt auch im Karree zwischen Belforter, Straßburger und Metzer Straße.
Die Mieter sind in Aufruhr, seit sich die Firma econcept als künftiger Eigentümer der Anlage ankündigte und ihre Pläne offenbarte. Die sehen im Kern vor, auf die Freifläche vor den Bauten entlang der Straßburger Straße einen siebengeschossigen Neubau zu setzen. »Blockrandschließung« nennen das die Stadtplaner, was die Anwohner schon furchtbar genug finden. Doch weil der Platz dafür nicht ausreicht, müssten von zwei der Altneubauten praktisch die Giebelseiten abgeschnitten werden. Zwei Aufgänge mit 20 von insgesamt 110 Wohnungen fielen der Abrissbirne zum Opfer. Zudem sollen auf die verbliebenen Bauten zwei Geschosse draufgesattelt und die beiden Höfe mit Tiefgaragen unterkellert werden, was die stattlichen Bäume natürlich nicht überleben würden.
Wie das Ganze später aussehen könnte, ist eine Straßenecke weiter zu besichtigen, wo econcept das Luxusprojekt »Palais Kolle Belle« mit 90 bis zu 800 000 Euro teuren Eigentumswohnungen errichtet hat. Sollte der Investor seine Pläne verwirklichen, könnten die letzten preiswerten Wohnungen am Kollwitzplatz verloren gehen.
Die Mieter wollen das verhindern. Manche wohnen bereits seit Fertigstellung der Häuser hier, sie waren Ärzte, Krankenschwestern, Dozenten an der Humboldt-Uni bzw. Charité, deren Arbeiter-Wohnungsbaugenossenschaft die Anlage einst errichten ließ. Etliche Versammlungen wurden bereits abgehalten und Verhaltensregeln für den Umgang mit dem Investor ausgegeben. Oberstes Gebot: Nur nicht einzeln mit ihm sprechen, »da hier über psychologische Taktiken gezielt versucht wird, den Willen der Mieter zu brechen«. Und man macht sich gegenseitig Mut. »Lassen Sie uns zusammenhalten«, damit nicht »unser grünes offenes Wohngebiet« in einem »Hinterhof von 7-geschossigen Gebäuden untergeht«. Und es solidarisieren sich mit ihnen bereits Mieter aus den Gründerzeitbauten von der anderen Straßenseite, die ihre Wohnungen auch wegen der grünen Aussicht gemietet hatten.
Der Investor gibt sich über diesen Widerstand erstaunt und leicht genervt, zumal sich econcept laut Geschäftsführer Rainer Bahr als »sich seiner Verantwortung bewusst seiender Bauträger« sieht. Man werde die Mieten nicht erhöhen, für die von Abriss betroffenen Mieter die Umzugskosten übernehmen, Auszugswilligen Abfindungen zahlen. Die Planungen seien gerade nicht auf die Verdrängung der Altmieter gerichtet, sondern dienten vielmehr »als langfristige Sicherung der bestehenden Mietverhältnisse«, wie Bahr in einem Schreiben an die Mieter beteuert. Um dann hinterherzuschicken, dass man auch ganz anders könne, nämlich »die gesamte Wohnanlage abzureißen und durch eine Neubebauung zu ersetzen«.
Mittlerweile ist auch die Politik alarmiert. Die SPD will die Mieter durch den Erlass einer »Umstrukturierungssatzung« schützen, die Grünen wollen die Anlage erhalten als eines der wenigen noch vorhandenen Beispiele für eine Stadtplanung, »bei der gesundes und preiswertes Wohnen Vorrang« hatte, und auch der Bundestagsabgeordnete der LINKEN, Stefan Liebich, hat den Mietern Unterstützung zugesichert. Für den Bauexperten der Pankower Linkspartei, Thomas Goetzke, ist klar, dass es sich bei den econcept-Plänen um ein »völlig überflüssiges Projekt« handelt, das nicht den Mietern, sondern »ausschließlich den finanziellen Verwertungsinteressen des Investors« dient. Er glaubt, dass der Bezirk dem noch mit dem Aufstellen eines Bebauungsplanes einen Riegel vorschieben kann.