BERLIN,
6. November. Der hessische Eindruck war noch stark. Doch seltsamerweise
dominierte das Scheitern von Frau Ypsilanti die Diskussion in Berlin-Weißensee
am Mittwochabend nicht, obwohl es um genau das Vorhaben ging, das ihr misslang:
"Rot-Rot-Grün - Bedrohung oder Chance?" Stefan Liebich,
der ehemalige Vorsitzende der Linkspartei und ihrer Fraktion im Berliner
Abgeordnetenhaus, nimmt sich Wolfgang Thierses innige Wahlkreispflege zum
Vorbild - Liebich will
in Pankow bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr direkt gewinnen. Zur
Milieupflege lädt er ein zu "Brot, Pop und Politik". Er gehört zu den
bekannteren Vertretern des "Forums demokratischer Sozialismus" in der
Linkspartei. Rot-Rot in Berlin hat er 2001 mit ausgehandelt.
Jürgen
Trittin, stellvertretender Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, gab in der
Diskussion den Lafontaine - und gewann das Publikum. Er zitierte Marx und gab
Sentenzen von sich: "Politik funktioniert nach Interessen; wir sind doch hier
unter Linken!" Er verteilte Noten: Lafontaines Verständnis für die Folterdrohung
gegen einen Kindsmörder plaziere diesen "weit rechts von McCain". Er formulierte
Anforderungen: "Das ist die Hürde, über die sie rübermüssen!" Gemeint sind die
Anerkennung von UN-Einsätzen zur Friedenssicherung und die Einsicht, dass der
EU-Vertrag von Lissabon besser sei als der von Nizza. Das hessische Problem,
sagte er, liege tiefer als beim reinen Abweichlertum: Die Richtung Rot-Rot-Grün
sei in der SPD umstritten, es lohne sich, das näher zu untersuchen.
Björn
Böhning, der ehemalige Juso-Vorsitzende, der sein Geld in Wowereits
Senatskanzlei verdient, gab sich selbstbewusst, wirkte aber kleinlaut, wenn er
in Juso-Manier die Themen das Abends als "kleinteilig" abtat. Die SPD sei alt,
er sei jung, lautete sein Mantra. Viele vermeintliche Konfliktthemen zwischen
Rot-Rot-Grün seien auch innerhalb der Parteien umstritten. Auch ergäben noch so
viele Einzelpositionen noch lange kein Programm. Die Linke (gemeint ist nicht
die Partei gleichen Namens) brauche eine starke Führung (wohl die alte Partei
SPD), und diese könne nur gewinnen, wenn die kleinen Parteien sich um ihre Gunst
stritten.
Liebich kommentierte
Böhnings "Selbstbeschreibung der SPD" kühl mit: "Dass ich nicht lache!" Derart
"von oben herab" könne man "neue linke Perspektiven" im Fünf-Parteien-System
nicht diskutieren, und so sei es in Berlin auch nicht zu einer Koalition
gekommen. Liebich erinnerte
daran, dass es "Cross-over-Gespräche" zwischen Politikern unterschiedlicher
Parteien schon lange gebe, sogar eine "Mehrheit links der Union" gebe es schon
länger - und trotzdem werde die Bundesregierung "konservativ geführt", weil man
"nicht untereinander spricht". In diesem Sinn kann die Berliner Veranstaltung
wohl nicht als Gespräch über Rot-Rot-Grün gewertet werden, obwohl der Saal voll
war. Die Rhetorik, die das Publikum goutierte, beherrschte Trittin: "Wir wollen
überall das Gleiche - mal geht das mit denen, mal mit anderen." (mk.)
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